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Remo Gysin: «Es braucht mehr als eine blosse Gedenktafel»

23.01.2020 – Interview: Susanne Wenger

Die Auslandschweizer-Organisation (ASO) fordert eine Gedenkstätte für Schweizer Opfer des Nationalsozialismus. Das Mahnmal soll auch an mutige Schweizer wie den Diplomaten Carl Lutz erinnern, die Verfolgten Schutz und Hilfe boten, sagt ASO-Präsident Remo Gysin.

Ein Buch legt erstmals belegbare Opferzahlen vor. Demnach ist die Zahl der Schweizerinnen und Schweizer, die in den KZ der Nazis starben, noch viel höher, als die Auslandschweizer-Organisation annahm. Überrascht Sie das?

Remo Gysin: Nein, es erstaunt nicht, dass nun mehr als doppelt so viele ermordete Schweizer Opfer bekannt sind. Nach wie vor ist vieles im Dunkeln. Zusätzliche Nachforschungen werden eine noch weit höhere Opferzahl belegen.

Zur Person: Remo Gysin präsidiert die Auslandschweizer-Organisation seit 2015. Davor vertrat der promovierte Ökonom zwölf Jahre lang die Sozialdemokratische Partei im Schweizer Parlament. Während acht Jahren war er Regierungsrat im Kanton Basel-Stadt.

Das Buch zeigt auch auf: Die Schweizer Behörden hätten mehr tun können, um Betroffene zu befreien. Hat der Bund die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer im Stich gelassen?

Ohne Zweifel hätten die Schweizer Behörden mehr Leben retten können. Schon der Bergier-Bericht zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zeigte dies klar auf. Mit dem neuen Buch gibt es jetzt weitere Belege dafür. Ich hätte mir zum Beispiel eine andere Haltung des damaligen Bundesrates und des Schweizer Gesandten in Berlin gewünscht. Dabei denke ich an das mutige Verhalten von Carl Lutz, der als Schweizer Diplomat in Ungarn Zehntausende verfolgte ungarische Jüdinnen und Juden gerettet hat.

Bereits 2018 stellte sich der Auslandschweizerrat hinter die Idee, eine Gedenkstätte für die Schweizer KZ-Opfer zu errichten. Was soll ein solches Mahnmal bewirken?

Die Erinnerung soll aufrechterhalten und gestärkt werden. Mit dem Blick in die Vergangenheit sollen Lehren für die Zukunft gezogen werden. Es gilt auch zur Bewusstseinsbildung beizutragen, welche Gefahren Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung in sich bergen. Ich stelle mir eine Gedenkstätte vor, die zum Innehalten, Nachdenken und Diskutieren anregt.

Wo soll die Gedenkstätte hinkommen und welche Form soll sie annehmen?

Es muss ein öffentlicher, gut sichtbarer, leicht zugänglicher und für eine Gedenkstätte würdiger Ort sein, der auch ein Bekenntnis der Schweiz zu ihrer historischen Verantwortung ausdrückt. Bern wäre meines Erachtens naheliegend. Verschiedene Formen sind denkbar und sollten im weiteren Entwicklungsprozess eingehend geprüft werden. Eine Steuerungsgruppe, bestehend aus der ASO, dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, jüdischen Organisationen und einer Expertin für Denkmäler, ist an der Arbeit. Entgegen meiner ursprünglichen Meinung braucht es mehr als eine blosse Gedenktafel.

Welche Botschaft soll transportiert werden?

Anzusprechen ist das Gedenken an alle Opfer und im Besonderen auch der Schweizer Opfer des Nationalsozialismus und des Holocausts. Ich fände es auch sinnvoll, an die Schweizerinnen und Schweizer zu erinnern, die sich dem Nationalsozialismus entgegengestellt oder den Verfolgten Schutz und Hilfe boten.

Wer soll die Gedenkstätte finanzieren?

Zurzeit ist noch nichts definitiv festgelegt. Da sich die Schweiz als Mitglied der «International Holocaust Remembrance Alliance» verpflichtet hat, die Erinnerung an den Holocaust aufrechtzuerhalten, sehe ich den Bund als Träger und Finanzierer des Projektes, eventuell mit Unterstützung der Kantone und der Standortgemeinden.

Braucht es weitere Schritte zur Aufarbeitung des Themas?

Nebst der Gedenkstätte braucht es mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in Gesellschaft und Politik dringend eine weitere intensive Forschungs- und Lehrtätigkeit, ein umfassendes Informationskonzept und Bildungsangebote auf verschiedenen Schulstufen.

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