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  • Gesellschaft

Immer weniger Schulkinder verstehen, was sie lesen

03.04.2020 – Mireille Guggenbühler

Bei Schweizer Schülerinnen und Schülern schwindet die Kompetenz, einen Text zu lesen und zu verstehen. Das zeigt die sogenannte PISA-Studie. Die oberste Lehrerin der Schweiz spricht von einer eigentlichen Sprachkrise.

Im Online-Forum für Hühnergesundheit stellt Hühnerzüchterin Inge die Frage: «Ist es in Ordnung, meiner Henne Aspirin zu geben? Sie ist zwei Jahre alt und ich glaube, sie hat sich am Bein verletzt. Ich kann erst am Montag zum Tierarzt fahren und dieser geht nicht ans Telefon. Meine Henne scheint grosse Schmerzen zu haben. Ich möchte ihr etwas geben, damit sie sich besser fühlt.»

Inges Frage ist Teil einer Aufgabe aus der neusten internationalen Schulleistungsstudie PISA (Programme for International Student Assessment). Die vergleichende Studie wird alle drei Jahre in den Mitgliedstaaten der OECD und in OECD-Partnerländern durchgeführt. Im Fokus des Interesses stehen dabei die Kompetenzen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.

Braucht das Huhn Aspirin oder einen Tierarzt?

Der Schwerpunkt der aktuellen PISA-Studie lag beim Lesen. Entsprechend typisch ist das Beispiel des Online-Forums für Hühnergesundheit: Die 15-Jährigen mussten Inges Frage nicht nur genau lesen, sondern auch verstehen, was die Hühnerzüchterin wissen möchte. Will sie wissen, ob sie der verletzten Henne Aspirin geben oder wie oft sie ihr Aspirin verabreichen kann? Fragt Inge, wie sie einen Tierarzt finden kann? Oder erkundigt sie sich nach einer Möglichkeit, die Stärke der Schmerzen der verletzten Henne zu bestimmen?

Nebst den traditionellen Leseaufgaben mit gedruckten Texten waren derartige interaktive Aufgaben erstmals Teil des Tests. Laut den Verfassern der Studienresultate für die Schweiz ist das folgerichtig: Bei der Konzeption der PISA-Tests gelte es nämlich, Entwicklungen in der Gesellschaft zu berücksichtigen, also zum Beispiel die «digitale Revolution». Die Definition der Lesekompetenz berücksichtigte deshalb neu die Kompetenz, digitale Medien nutzen zu können.

Die Schweizer Ergebnisse der aktuellen Studie zeigen im Vergleich mit den Werten aus dem Jahr 2015 mehrere Entwicklungen auf:

  • Die Lesekompetenz der Jugendlichen ist gesunken
  • Die Lesefreude der Jugendlichen hat abgenommen
  • Der Anteil leseschwacher Schülerinnen und Schüler ist angestiegen

Zwar weicht die Schweiz hinsichtlich der Leseleistung nicht wesentlich vom OECD-Mittelwert ab. Aber europäische Länder wie Finnland, Schweden, Deutschland, Frankreich oder Belgien schnitten signifikant besser ab als die Schweiz.

Zur Entspannung gibts Filme statt Bücher

Warum ist in der Schweiz die Lesekompetenz und Lesefreude der Jugendlichen gesunken und der Anteil der leseschwachen Schülerinnen und Schüler angestiegen?

Dagmar Rösler ist Präsidentin des Dachverbands der Lehrerinnen und Lehrer in der Schweiz und in dieser Rolle täglich konfrontiert mit Bildungsfragen. Die Resultate der PISA-Studie deckten sich mit ihrer Erfahrung als Lehrerin: «In der Schule stelle ich ebenfalls fest, dass weniger gelesen wird. Die digitalen Medien konkurrenzieren die Bücher. Zur Entspannung werden eher Filme geschaut denn Bücher gelesen.»

Die Resultate der PISA-Studie unterstreichen diese Aussage: 50 von 100 Schweizer Jugendlichen gaben im Zuge der Studie an, nicht zum Vergnügen zu lesen. Im Jahr 2000 waren es erst 30 von 100, die keine Lesefreude zeigten. Lesefreude und Lesekompetenz sind laut der Studie aber eng gekoppelt. Müsste die Freude am Lesen also in der Schule stärker gefördert werden? «Es wird bereits sehr viel getan. Lehrerinnen und Lehrern ist bewusst, dass das Lesen sehr wichtig ist», sagt Dagmar Rösler. Und: «Die Schule ist der Ort, an welchem Jugendliche momentan vermutlich noch am meisten lesen und sich mit den gelesenen Inhalten auseinandersetzen müssen.»

Ist die Lesekrise eine Sprachkrise?

In die Lesekompetenz investieren müsse man zusätzlich in der frühen Kindheit, zu Hause, in der Familie, findet Dagmar Rösler. Die PISA-Studie zeigt nämlich auch auf, dass ein Viertel der getesteten Schülerinnen und Schüler punkto Lesekompetenz sehr schlechte Werte erreichen. Sehr stark vertreten sind in diesem Viertel Jugendliche mit Migrationshintergrund. Schülerinnen und Schüler aus Familien, die sich zu Hause normalerweise in der Testsprache unterhalten, schnitten sichtlich besser ab.

Ist die Lesekrise am Ende also eine Sprachkrise? «Wer mit einem sprachlichen Defizit in die Schule eintritt, kann dieses kaum mehr abbauen», sagt Dagmar Rösler dazu. «In Sachen sprachlicher Frühförderung ist die Schweiz zu wenig weit.» Mit Ausnahmen allerdings: Als Vorbild in Sachen früher Sprachförderung gilt der Kanton Basel-Stadt. Die Basler Behörden verlangen vor dem Kindergarteneintritt von allen Familien, die Deutschkenntnisse ihrer Kinder in einem Fragebogen zu erfassen. Kinder, bei denen sich ein Förderbedarf zeigt, müssen im Jahr vor dem Kindergarteneintritt ein entsprechendes, obligatorisches Angebot besuchen. Dieses ist gratis. Auch die Stadt Chur bietet ab diesem Sommer ein Sprachförderungsangebot an. Dessen Besuch ist für jene Kinder obligatorisch, die 18 Monate vor dem Kindergarteneintritt noch zu wenig Deutsch sprechen. Ein ähnliches Modell strebt nun auch die Stadt Luzern an, die im Januar dieses Jahres erstmals Fragebogen analog der Stadt Basel verschickt hat. Im Kanton Zürich hingegen wurde vor einem Jahr eine parlamentarische Initiative zur Einführung des Basler Modells von der kantonalen Bildungskommission abgelehnt. Für Dagmar Rösler zeigt die PISA-Studie am Ende vor allem Handlungsbedarf in einem Bereich auf: «In der Schweiz müssen wir in Sachen Chancengerechtigkeit vorwärtsmachen.»

Die Schweizer Jugend im Test

600 000 Schülerinnen und Schüler aus 79 Ländern nahmen 2018 an den Tests für die nun vorliegende, aktuellste PISA-Studie teil. In der Schweiz beteiligten sich 6000 Schülerinnen und Schüler mit Jahrgang 2002. Die an 200 Schweizer Schulen durchgeführten Tests führten zu schweizerischen Durchschnittswerten. Kantonale Vergleiche oder eine Aufschlüsselung nach Sprachregionen erlauben die Testdaten nicht. Am besten abgeschnitten haben die Schweizer Jugendlichen im internationalen Vergleich in Mathematik. Auch in den Naturwissenschaften liegt der schweizerische Mittelwert signifikant über dem OECD-Durchschnitt.

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