Mit Nadel, Faden und Dutzenden Stunden Handarbeit bewahrt Monika Bögli im bernischen Neuenegg eine Schweizer Tradition: Die Trachtenschneiderin zaubert mit ihren Händen «Heimatscheine» auf den Körper ihrer Kundinnen.
Monika Bögli trägt eine Berner Werktagstracht. Die rote und die blaue Schürze am Bügel sind aus Damastseide gefertigt, Teil einer Berner Festtagstracht. Foto Denise Lachat
Mit lebhafter Geste öffnet Monika Bögli die Tür zu ihrem Trachtenatelier im bernischen Neuenegg und bringt ihren leuchtend blauen Rock ins Schwingen. Sie selbst würde nie von einem Rock sprechen. In der Fachsprache nennt man ihn «Kittel», über dem sie eine blau-grün gestreifte Schürze trägt. Unter dem Mieder blitzt eine weisse Bluse hervor, an der eine filigrane Brosche angesteckt ist. Um den Hals liegt ein schwarzes Seidentuch in feinster Netzstruktur. Die zierliche Frau ist für den Ausgang bereit, denkt man beeindruckt. Doch weit gefehlt: Monika Bögli trägt eine gestreifte Berner Werktagstracht. Sie schmunzelt: «So waren die Frauen früher zum Arbeiten auf dem Lande gekleidet.» Die Bauernfamilien verwendeten Stoffe aus eigener Produktion: Wolle oder Leinen – robust genug, um vielen Waschvorgängen standzuhalten.
Ein Handwerk mit Stolz
Monika Böglis Tracht besteht zu grossen Teilen aus handgewobenem Halbleinen und ist das Ergebnis von Dutzenden von Stunden Handarbeit: 50 bis 70 Stunden rechnet sie für die Anfertigung einer Tracht. Vor allem das Mieder mit seinen drei Lagen aus Watte, Futter, Stoff und der zusätzlichen Garnitur ist aufwendig in der Herstellung. Der Aufwand und die edlen, zum Teil handgefertigten Materialien, zu denen auch Seide gehört, haben ihren Preis: Rund 2200 Franken kostet eine neue Werktagstracht, eine Festtagstracht 3000 Franken; dazu kommt noch der Silberschmuck für mindestens 3500 Franken. Dafür fühlt sich die Trägerin einer Tracht wie verwandelt. Allein schon die Stäbchen im Mieder verleihen der Trägerin eine andere Körperhaltung. Monika Bögli fühlt sich stolz und geehrt in der Tracht. «Sie sitzt einfach. Man ist damit angezogen.»
Die Erfindung einer Tradition
Stolz und Ehre sind eng verbunden mit dem Gefühl, eine Tradition weiterzupflegen, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Dabei wäre die Tracht einst fast aus dem Schweizer Alltag verschwunden. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach der Gründung des Bundesstaates 1848 entwickelten sich Industrie, Transportmittel, Technik und Handel, und die Handarbeit wurde von Maschinen abgelöst. Schweizerinnen und Schweizer, vorab in den Städten, orientierten sich an internationalen Modetrends. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erwachte ein neues Interesse an Volkskultur und Brauchtum. Alte Trachten wurden gesammelt, dokumentiert und wiederhergestellt.
Drei historische Daten spielen dabei eine Rolle: 1905 wurde der Schweizer Heimatschutz gegründet, der sich für den Schutz des kulturellen Erbes einsetzt – nicht nur von historischen Bauten, sondern auch von überlieferten Kleidungsformen. In dieser Zeit begann man in mehreren Kantonen, alte Trachten nach historischen Vorlagen neu zu nähen. 1926 erhielt die Tracht ihre eigene Interessensvertretung mit der Gründung der Schweizerischen Trachtenvereinigung (STV) in Luzern – sie feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Ziel der STV war es, die Tracht als zeitloses, schlichtes und verbindendes Element wieder in den Alltag der Bevölkerung zu integrieren. An der Landesausstellung von 1939 in Zürich schliesslich wurden im «Landidörfli» Trachten aus allen Landesteilen gezeigt – als Zeichen einer starken, eigenständigen Schweiz in unsicheren Zeiten und als Symbol für Heimatverbundenheit, Zusammenhalt und nationale Identität.
Die ehemalige Bundespräsidentin Doris Leuthard anlässlich des Eidgenössischen Trachtenfests 2010 in ihrer Aargauer Heimattracht. Foto Keystone
Heute ist die Tracht kein Alltagskleid mehr, sondern wird zu besonderen Anlässen getragen. Monika Bögli nennt Trachtenfeste, Unterhaltungsabende, Hochzeiten und Taufen – und offizielle Auftritte: So trug die damalige Bundesrätin Doris Leuthard beim Eidgenössischen Trachtenfest in Schwyz 2010 als Ehrengast die traditionelle Freiämter Festtagstracht aus ihrem Heimatkanton Aargau.
Zeichen der Zugehörigkeit
Unsicher sind die Zeiten auch heute wieder. Nachdem Trachten-, Tanz- und Jodlervereine in der Zeit von Corona Mitglieder verloren haben, beobachten Trachtenschneiderinnen aus verschiedenen Kantonen wieder ein wachsendes Interesse an Trachten bei den Jungen. Trachten würden zur Firmung oder zur Konfirmation geschenkt, auch die Kinder von Hotelier-Familien trügen sie. Insgesamt stamme die Kundschaft vorab aus dem ländlichen Raum. Auch Monika Bögli hat junge Kundinnen. Häufig haben diese Grossmutters Tracht geschenkt erhalten und lassen sie auf ihre Grösse anpassen. Oder es sind Frauen, die sich das kostbare Kleidungsstück zu einem runden Geburtstag leisten.
Monika Bögli selbst trug schon als Mädchen eine Tracht, machte Volkstänze und war später wie ihre Mutter und Grossmutter Mitglied einer Trachtengruppe. Das Tragen einer Tracht drückt für sie darum Zugehörigkeit aus – zu ihrer Familie und auch zu ihrer Region. «Die Tracht gehört zu meiner Kultur, sie drückt ein regionales Heimatgefühl aus», sagt die Bernerin. Tatsächlich kennt nicht nur jeder Schweizer Kanton seine eigenen, spezifischen Trachten. Es gibt Dutzende von regionalen Modellen, die sich in Farben, Schnitten und Verzierungen unterscheiden – schweizweit werden nicht weniger als 700 verschiedene Trachten gezählt.
Schweizweit gibt es 700 verschiedene Trachten, die sich in Farben, Schnitten und Verzierungen unterscheiden: Kanton Appenzell Innerhoden. Fotos Silvan Bucher, Agentur syn, Stans
Ausdruck der vielfältigen Kultur
Manche Trachten seien ähnlich, sagt Sissi Sturzenegger, Präsidentin der Trachtenkommission der STV. Kenner könnten sie aber unterscheiden. So werde beispielsweise in den Bodensee-Kantonen eine Radhaube getragen, sogar über die Landesgrenze hinaus. Die grosse Vielfalt der Schweizer Trachten will die STV zum Jubiläum einem breiten Publikum näherbringen, unter anderem am Schweizerischen Trachtenchorfest vom 5. und 6. Juni in Sursee (LU), aber auch in Form eines reich bebilderten Buchs, das Trachten aus allen Kantonen zeigt. Kein Wunder, ist im Zusammenhang mit der Tracht die Rede vom «Heimatschein, den man auf dem Leib trägt». Der Heimatschein ist übrigens auch im Ausland begehrt: Monika Bögli hat während ihrer Ausbildung an der Herstellung von Trachten für zwei Auslandschweizerinnen in Kanada mitgewirkt.
Die Bernerin näht ausschliesslich Trachten aus dem Berner Mittelland, dem Emmental und dem Oberaargau; Trachten aus anderen Regionen oder Kantonen anfertigen, käme ihr nicht in den Sinn. So halten es alle Trachtenschneiderinnen. Ohnehin ist wenig künstlerische Freiheit erlaubt: Jede Tracht hat ihren Beschrieb; Schnitt und Zubehör sind vorgegeben. Nur Farben und teilweise Muster seien wählbar, sagt Bögli und zeigt auf einen ganzen Stapel von Ordnern mit Stoffmustern und den Trachtenbeschrieben: «Ab den 1930er-Jahren wurde das zuvor herrschende Durcheinander geordnet.»
«Die Tracht gehört zu meiner Kultur, sie drückt ein regionales Heimatgefühl aus.»
Monika Bögli
Nebenbei eine Berufung
Monika Bögli hat ihre dreijährige Ausbildung als Bekleidungsgestalterin mit zwei Jahren Spezialausbildung ergänzt. Die Nachfrage nach der Ausbildung bestehe weiterhin, berichtet sie, doch die Ausbildungsplätze bei Lehrmeisterinnen würden rar werden. Im Kanton Bern bietet man inzwischen die Ausbildung in Form von Modulen an mit spezifischen Kursen, beispielsweise für die Herstellung von Miedern und Hemden. Für Monika Bögli steht allerdings fest: «Die Wurzel für die Weitervermittlung liegt in der Familie.» Ihre eigenen Kinder hat sie zumindest bereits mit der Freude am Tragen dieser Schmuckstücke angesteckt: Ihre drei Töchter im Alter von 26, 28 und 30 Jahren trugen schon als Dreijährige «Trächtli» zu Festen oder beim Vorführen von Kälbern, und sie tun es heute noch beim Spalierstehen oder als Ehrendamen.
Mehr Bilder finden sich im Schweizer Trachtenbuch. Es erscheint am 15. Juni 2026 zum 100-Jahr-Jubiläum der Schweizerischen Trachtenvereinigung. Weitere Informationen zum Buch: www.trachtenbuch.ch
Doch nun verschwindet Monika Bögli kurz ins Nebenzimmer zum Umziehen, denn sie muss noch andere Dinge erledigen. In ihrem Trachtenatelier arbeitet sie in der Regel einen Tag pro Woche, die übrige Zeit gehört der Arbeit auf dem Hof in Neuenegg mit Milchwirtschaft, Grossviehmast, Futterbau und Hofladen. In Jeans und Bluse, quasi der «Alltagstracht» des 21. Jahrhunderts, kommt sie zurück. Ihre historische Berner Tracht bleibt sorgfältig verstaut – bis zum nächsten festlichen Auftritt.
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