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  • Editorial

Schepenese schweigt ganz laut

24.03.2023

Was ist Kultur? – Das ist eine echt kurze Einstiegsfrage. Eine ebenso klare und knappe Antwort erhalten Sie hier aber nicht: Es gibt eine verwirrende Vielfalt von Definitionen, was Kultur ist, was wir mit ihr und sie mit uns macht – und warum sie nicht bloss eine nette Nebensache ist.

Marc Lettau, Chefredaktor

Eine mögliche Annäherung an die Antwort: Kultur umfasst alles, was der Mensch schafft. Bauen wir noch den Begriff Kunst ein, kommen wir auf die Formel: Kunst und Kultur sind Ausdruck des menschlichen Daseins. Kultur und die Kunst, die aus ihr hervorgeht, schaffen Identität – über das rein Individuelle hinaus. Gemeinschaften schaffen Kultur; und das Erschaffene schenkt ihnen Zugehörigkeit, Erinnerung, Perspektive, also Vergangenheit und Zukunft zugleich.

Wer anderen Kulturgüter raubt, greift genau diese Werte an. Das wissen auch jene Schweizer Museen, die derzeit ihre Bestände genau untersuchen, weil sie auch Raubkunst besitzen: etwa Schätze aus dem von Kolonialmächten geplünderten afrikanischen Königreich Benin. Andere Staaten haben sich bereits zur Rückgabe von Benin-Kunst entschieden. In der Schweiz ist die Debatte dazu zumindest voll angelaufen.

Nicht immer steht ein Raub am Anfang des Konflikts. Manchmal ist es eine etwas obskure Form des «wissenschaftlichen Interesses». Das lehrt uns zum Beispiel Schepenese, die ägyptische Priestertochter, die als Mumie samt kunstvoll verziertem Sarkophag in der Stiftsbibliothek St. Gallen haust. Auf Schepenese gehen wir in unserem Schwerpunkt ein.

Schepenese selbst, so tot wie sie halt ist, schweigt zwar. Aber sie schweigt sehr laut, denn auch sie diktiert der Schweiz eine Kulturgüterdebatte: Warum ist sie, ein Zeugnis altägyptischer Kultur, überhaupt aus ihrem Grab am Nil geholt und nach St. Gallen verfrachtet worden? Ist dies nicht Quelle ständiger Irritation für alle? Wie wärs mit einer Rückreise?

Wie diese Debatte endet, ist offen. Spannend ist, dass sie sich ausgerechnet in St. Gallen abspielt, in einem Kanton also, der sich selber als Opfer von Kulturräubern sieht: Zürcher Truppen raubten hier Anfang des 18. Jahrhunderts wertvolle Kulturgüter. Ein 300 Jahre dauernder Disput zwischen St. Gallen und Zürich war die Folge.

Übrigens: Die Kultur wird am Auslandschweizer-Kongress im August 2023 das Schwerpunktthema sein. Stattfinden wird der Kongress passenderweise – in St. Gallen.

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