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Die Gewinnerin ist ... Dorothee Elmiger

06.02.2026 – Beat Mazenauer

Die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger hat das Triple geschafft. Für ihren Roman «Die Holländerinnen» hat sie den Deutschen, den Bayerischen und den Schweizer Buchpreis erhalten.

Dorothee Elmiger (1985), aufgewachsen im Kanton Zürich, lebt seit 2022 in New York. Foto Deutscher Buchpreis, ZVG

Drei Preise, ein einhelliges Urteil: In allen Jurybegründungen wird auf die stilistische Meisterschaft hingewiesen, mit der es Dorothee Elmiger gelingt, ihre Leserinnen und Leser in einen Leserausch zu versetzen und sie derart in ein Herz der Finsternis zu führen. Kurzum, der Roman hat einhellig begeistert. 

Tatsächlich gelingt Elmiger ein spezielles Kunststück. Sie schreibt in einer Weise, die stilistisch herausfordert und zugleich inhaltlich zu fesseln vermag. Im strikten Modus der indirekten Rede erzählt sie von einer Autorin, die in einem Vortrag von einem Theaterexperiment berichtet. «Im Januar vor drei Jahren, sagt sie, habe sie der Anruf eines Theatermachers erreicht», der sie für ein Projekt angefragt habe. Es sei darum gegangen, das Verschwinden von zwei Holländerinnen zu recherchieren und im Urwald nachzuerleben.

Formal kompakt und subtil entführt Elmiger die Leserschaft in ein verschlungenes Dickicht von Geschichten und Verweisen, die das tatsächliche Geschehen in den Schichten des Nacherzählens aufheben. Die Rednerin berichtet, wie sie sich im Urwaldcamp damals erschreckende Geschehnisse erzählt haben, um den Schrecken der sie umgebenden Finsternis und Geräuschkulisse zu bannen. Im Vortrag wird der wirkliche Urwald zur Projektion einer existentiellen Furcht. Die Rednerin überlagert das Erlebte mit kulturellen Verweisen auf Theorie, Literatur und Film. Der Theatermacher, erwähnt sie, habe immer wieder sein Faible für Werner Herzog kundgetan, der bei Dreharbeiten im Urwald stets heroisch allen Gefahren getrotzt habe.

Jedes Erzählen ist unsicher und unscharf, weiss Dorothee Elmiger. Es bewahrt immer etwas Indirektes, das in Frage stellt, was denn tatsächlich geschehen sei, wahr und echt ist. Das mag theoretisch klingen, die Kunst in diesem Roman besteht darin, dass er solche Überlegungen zum Leben erweckt und mit ihnen die Leser und Leserinnen auf allerlei Abwege verführt. So gewöhnungsbedürftig die indirekte Rede sein mag, so agil und unaufdringlich setzt sie Elmiger ein, dass sie einen selbst nach der Lektüre nicht so leicht loslässt.

Dorothee Elmiger «Die Holländerinnen» Roman. Hanser Verlag, München 2025. 160 Seiten. 30 CHF

Drei Buchpreise innert kürzester Zeit sind ein Signal. Insbesondere der Gewinn des Bayerischen Buchpreises überrascht, der (anders als in der Schweiz) trotz des regionalen Charakters auch für Schweizer Autorinnen und Autoren offen steht. Unwillkürlich taucht die Frage auf, ob dergleichen auch mit Büchern aus der Romandie oder dem Tessin möglich wäre.

Eine ähnliche Offenheit gilt für die renommierten französischen Buchpreise wie den Prix Goncourt. Allerdings hat nur einmal ein Schweizer Autor, Jacques Chessex 1973 für «L’Ogre», die Auszeichnung erhalten. Ähnlich verhält es sich mit dem Prix Renaudot (Georges Borgeaud, 1974) oder dem Prix Fémina (Robert Pinget, 1965). In der Kategorie «étranger» erhielt Matthias Zschokke 2009 den Preis für «Maurice mit Huhn». Und der Prix du roman Fnac ging 2022 für «Sa préférée» an die Walliserin Sarah Jollien-Fardel.

Die Suche nach Tessiner Ehrungen in Italien wird zur Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Keine Schweizer Nennung gibt es beim renommierten Premio Strega. Die in Mailand wohnhafte Fleur Jaeggy erhielt 2002 für «Proleterka» den Premio Viareggio. 1990 wurde ihr auch der Premio Bagutta verliehen, bei dem 2002 Giorgio Orelli ebenfalls geehrt wurde. Ein Triple wird es aber in Frankreich oder Italien allein deshalb nicht geben, weil der Schweizer Buchpreis nur auf Deutsch ausgeschrieben wird.


www.dorotheeelmiger.com

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