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Ursula Hasler | Die schiere Wahrheit

01.07.2022 – BEAT MAZENAUER

In ihrem Roman «Die schiere Wahrheit» entwirft Ursula Hasler eine doppelte Krimi-Fiktion. Im Juni 1937 begegnet Friedrich Glauser seinem literarischen Idol Georges Simenon im Seebad Saint-Jean-de-Monts an der französischen Atlantikküste. Die beiden nutzen das zufällige Treffen, um sich über ihre literarischen Strategien auszutauschen. Davon angeregt, wagen sie gleich einen Versuch und entwerfen gemeinsam einen Kriminalroman. Glausers Wachtmeister Studer trifft auf Amélie Morel, die von Simenon ins Spiel gebracht wird, weil er erst vor kurzem seinen Kommissar Maigret in Pension geschickt hat.

Ursula Hasler «Die schiere Wahrheit. Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman.» Limmat Verlag, 2021. 340 Seiten, 36 CHF.

Diese erfundene Begegnung zwischen den beiden Krimiautoren entwirft ein kluges literarisches Spiel, das deren literarische Geistesverwandtschaft herausarbeitet. In ihrer Arbeit waren sich Glauser wie Simenon darin einig, dass ein guter Krimi mehr ist als ein Rätselspass, an dessen Ende die Wiederherstellung der Ordnung steht. «Wenn schon Rätsel», sagt Glauser, «dann um den Täter als Menschen zu enträtseln, ihn zu verstehen». In diesem Sinn hat Glauser schon früh in Simenon sein grosses Vorbild entdeckt. In Ursula Haslers Roman lassen sich die beiden in ein Spiel verwickeln, das ihre kriminologische Verwandtschaft bezeugen soll.

Im Zentrum steht ein Mann, der von der Krankenschwester Amélie Morel am Strand tot aufgefunden wird. Unfall oder Mord? Da es sich beim Opfer um einen amerikanisch-schweizerischen Doppelbürger mit guten Beziehungen handelt, wird Wachtmeister Studer aus der Schweiz aufgeboten. Während der französische Ermittler Inspektor Picot auf Druck von oben eiligst auf Unfall plädiert, glauben sowohl Studer wie Amélie Morel an ein Verbrechen. Eigenmächtig machen sie sich auf die Suche nach der schieren Wahrheit.

Für ihren Roman hat Ursula Hasler die Texte von Glauser und Simenon genau gelesen, um deren Stimmung in ihrer Fiktion aufscheinen zu lassen. Der Wettstreit zwischen den beiden Fahndern erzeugt einen amüsanten Plot, der Züge von Simenon und von Glauser trägt. Hasler erzählt ihre doppelte Fiktion im Wechsel von erfundenem Krimi und von Gesprächsszenen, in denen Glauser und Simenon angeregt über ihre literarische Strategien oder über Recht und Gerechtigkeit diskutieren. So gerät ihre fiktive Begegnung zum verspielten Kabinettstück, das sich vergnüglich liest und im Kern eine anregende Auseinandersetzung enthält, die ein Schlaglicht auf den aktuellen Krimiboom wirft und darauf, was Leserinnen und Leser von diesem Genre erwarten.

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