Welche Aktivitäten verfolgen diese Hilfsgesellschaften heute im Wesentlichen?
Unter den Bezeichnungen «Schweizer Wohltätigkeitsgesellschaften», «Helvetische Wohltätigkeitsgesellschaften», «Schweizerische philanthropische Vereinigungen» oder «Schweizer Hilfsgesellschaften» gibt es bis heute weltweit zahlreiche Vereinigungen und Organisationen, die mit den Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern in Verbindung stehen.
Lange Zeit war die Schweiz ein Auswanderungsland
Viele Schweizer Wohltätigkeitsorganisationen entstanden ursprünglich, um den wachsenden Bedarf an Vermittlungs- und Unterstützungsleistungen infolge der starken Auswanderungswelle im 18. und 19. Jahrhundert zu decken. Damals veranlassten das harte Leben auf dem Land, die Geissel der Armut und der allgemeine Mangel an Lebensgrundlagen zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer dazu, sich auf die Suche nach einer besseren Zukunft zu begeben. Viele Familien beschlossen, den Atlantik zu überqueren, und liessen sich unter anderem in den Vereinigten Staaten, Kanada, Argentinien oder Brasilien nieder. Auch die Nachbarländer der Schweiz wie Frankreich und Deutschland waren durchaus beliebte Auswanderungsziele. Infolge dieser Migration wurden weltweit Vereinigungen ins Leben gerufen, von denen viele bis heute aktiv sind, von Kanada über Lateinamerika, Ozeanien und Europa bis hin zu den Philippinen. Sie entstanden sowohl in den Zielländern als auch auf den Migrationsrouten, beispielsweise in grossen Seehäfen wie Bordeaux oder New York.
200 Jahre im Dienste der Schweizer Bevölkerung
Einige Vereinigungen, wie beispielsweise die Schweizer Wohltätigkeitsgesellschaften in Paris und Bordeaux, konnten bereits ihr 200-jähriges Bestehen feiern. Diejenige in Berlin besteht seit über 180 Jahren und jene in Wien seit immerhin 160 Jahren. Diese traditionsreichen und gut strukturierten Gemeinschaften entwickelten ein tiefes humanitäres Bewusstsein. Im Kern bestanden die Aufgaben der Schweizer Hilfsgesellschaften oft darin, «bedürftigen Schweizerinnen und Schweizern» fernab ihrer Heimat beizustehen. Die Wiederherstellung des durch die Auswanderung verloren gegangenen sozialen Gefüges zeugt von der Solidarität unter Landsleuten. Die geleistete ehrenamtliche Arbeit hat – und das darf man nicht vergessen – die Aufgaben des Sozialstaates zugunsten seiner Bürgerinnen und Bürger ergänzt und tut dies auch heute noch. Manchmal übernehmen diese Hilfsgesellschaften sogar koordinatorische Aufgaben. Sie springen ein, wenn die staatliche Hilfe an ihre Grenzen stösst, und erschaffen auf ihre ganz eigene Art und Weise das Umfeld wieder, das man verliert, wenn man sein Heimatland hinter sich lässt. Die ursprüngliche Aufgabe, mittellosen Schweizerinnen und Schweizern zu helfen, hat sich stark gewandelt. Heutzutage sind die Aktivitäten der Hilfsgesellschaften auf der ganzen Welt vielfältig und abwechslungsreich.
Wirtschaftliche und soziale Unterstützung für Landsleute in Not
Viele Hilfsgesellschaften bieten Schweizer Bürgerinnen und Bürgern noch immer konkrete wirtschaftliche Unterstützung, wenn eine gewisse Form der Bedürftigkeit vorliegt: Manchmal ist eine einmalige finanzielle Hilfe möglich, und auch soziale Unterstützung für isolierte ältere Menschen oder Hilfe bei Behördengängen wird von vielen Vereinigungen angeboten. Sie übernehmen somit wertvolle zusätzliche Aufgaben, die das Angebot der offiziellen Stellen ergänzen.
Hilfen für junge Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Zahlreiche Vereinigungen bieten auch Unterstützung für junge Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer. In bestimmten Fällen werden beispielsweise Teilstipendien oder Ausbildungsbeihilfen gewährt. Ferner werden Ratschläge und Empfehlungen zu Behördengängen angeboten.
Aufrechterhaltung der Verbindungen zur Schweizer Herkunftskultur
Feiern, typische Rezepte, traditionelle oder folkloristische Feste halten die lokalen Bräuche und Traditionen der Schweiz auch über deren geografische Grenzen hinaus am Leben. Die Organisation solcher Veranstaltungen fördert das Zugehörigkeitsgefühl der Diaspora.
Förderung der Schweizer Landessprachen
Die Mehrsprachigkeit, eine Besonderheit der Schweiz, wird ebenfalls von den Wohltätigkeitsorganisationen gefördert, indem sie oft zweisprachige oder alle Schweizer Landessprachen umfassende Aktivitäten anbieten.
Networking zwischen Schweizerinnen und Schweizern
Die Treffpunkte der Diaspora bieten Gelegenheit zum Austausch, zum Teilen gemeinsamer Interessen und zum Aufrechterhalten des Kontakts zwischen Landsleuten. Die Beziehungen zwischen Ausgewanderten, die Aufnahme neu angekommener Familien oder die Unterstützung von Studierenden aus der Schweiz können ein erster Anknüpfungspunkt für im Ausland lebende Schweizerinnen und Schweizer sein.
Vertretung der Interessen der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer
Die Hilfsgesellschaften arbeiten mit den Schweizer Vertretungen im Ausland, mit Konsulaten und Botschaften sowie mit der Auslandschweizer-Organisation zusammen. Auf diese Weise werden die Interessen der Fünften Schweiz vertreten und sichtbar gemacht.
Einige Worte zu anderen Einrichtungen für Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer
In Frankreich beispielsweise sind auch andere Einrichtungen tätig, wie etwa das 1970 eingeweihte Schweizer Spital in Paris. Das hauptsächlich von Schweizerinnen und Schweizern sowie Personen mit doppelter Staatsbürgerschaft gegründete Spital, das ursprünglich für in der Region lebende Landsleute gedacht war, steht selbstverständlich allen Menschen offen. Es ist übrigens das einzige Schweizer Spital ausserhalb der Landesgrenzen.
In der Nähe des Spitals, in Issy-les-Moulineaux in der Region Paris, befindet sich auch ein Schweizer Heim für pflegebedürftige Seniorinnen und Senioren.
Wie sieht die Zukunft der Hilfsgesellschaften aus?
Es ist bewundernswert, dass die von diesen Hilfsgesellschaften geleistete Vernetzungsarbeit über die Zeit hinweg fortbestehen und die Aktivitäten der Vereinigungen sich zeitgemäss weiterentwickeln konnten.
Diese Solidarität, die von zahlreichen Vereinigungen in vielen Ländern weitergetragen wurde, zeugt davon, dass es den Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern gelungen ist, sich auf einzigartige und zutiefst philanthropische Art und Weise zu organisieren. Diese über Ländergrenzen hinweg gelebte Solidarität ist in vielerlei Hinsicht inspirierend.
Damit diese Verbundenheit bestehen bleibt, ist das ehrenamtliche Engagement der jüngeren Generationen notwendig. Deshalb ist die Hoffnung, dass diese Arbeit bei ihnen auf Interesse stösst, natürlich gross.
Die Informationen in diesem Artikel sind allgemeiner Natur und nicht vollständig. Zögern Sie nicht, sich an die Hilfsgesellschaften in Ihrem Wohnsitzland zu wenden, wenn Sie Hilfe benötigen oder sich engagieren und einen Beitrag leisten möchten!
Dieser Artikel ergänzt den im Juli 2022 erschienenen Artikel («Revue» 3/22), der hier verfügbar ist: www.revue.link/hilfe
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