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  • Gesellschaft

Wer spart, bleibt ohne Zins

20.11.2019 – Mireille Guggenbühler

Sparen ist eine urtypisch-schweizerische Tugend. Doch derzeit sind die Sparerinnen und Sparer alarmiert: Die Zinsen auf ihren Sparguthaben sind so tief wie noch nie. Erspartes wirft keine Rendite mehr ab.

Im Mai dieses Jahres schreckte die Schweizer Grossbank UBS die Sparerinnen und Sparer auf. Die Bank liess verlauten, ihre Kundinnen und Kunden erhielten künftig keinen Zins mehr auf ihre Sparguthaben. Das ist eine ganz neue Erfahrung, denn bis anhin wurden die Sparwilligen stets für ihre Bereitschaft belohnt, ihr Erspartes einer Bank als Kapital zu überlassen. Das Entgelt dafür war der Sparzins. Vor diesem Hintergrund habe der Entscheid der UBS Symbolkraft, sagt Benjamin Manz, Geschäftsführer von moneyland.ch, dem Schweizer Vergleichsdienst für Banken und Versicherungen: «Null Prozent Zins bedeutet: Ich bekomme für meine Sparanstrengungen gar nichts mehr.»

Aber nicht nur bei der UBS wirft Sparen keine Rendite mehr ab. Die Zinssätze sind bei allen Schweizer Banken auf rekordtiefem Niveau. Im Durchschnitt erhalten Bankkundinnen- und kunden für Einlagen auf Sparkonten noch 0,05 Prozent Zins. Bei Privatkonten sind es laut Moneyland 0,00 Prozent (Stand September 2019). So tiefe Zinsen gab es in der Schweiz noch nie. «Das niedrige nominale und reale Zinsniveau ist historisch einzigartig», hält denn auch Peter Kugler, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre der Universität Basel, in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift «Die Volkswirtschaft» fest.

Die äusserst tiefen Zinsen, gepaart mit der Inflation und diversen Gebühren, die viele Banken eingeführt haben, führen dazu, dass Erspartes real an Wert verliert. «Sparen im herkömmlichen Sinn und gekoppelt an das Sparbüchlein: Das lohnt sich nicht mehr», sagt Karl Flubacher vom VZ Vermögenszentrum Basel. Das beschäftige viele Schweizerinnen und Schweizer sehr: «Sparen ist ein grosses Thema in unseren Beratungen.» Was aber passiert mit der ausgeprägt schweizerischen Tugend, dem Sparen, wenn sich Sparen nicht mehr lohnt?

Der sichere Job ist entscheidend

Vermutung Nummer 1: Verlieren die persönlichen Ersparnisse an Wert, wird halt mehr konsumiert. Das stimme so nicht, sagt André Bähler, der Leiter Politik und Wirtschaft bei der Stiftung Konsumentenschutz Schweiz. Ob Sparerinnen und Sparer ihr Konsumverhalten änderten, sei in erster Linie von der Wirtschaftslage des Landes anhängig. Die Arbeitsplatzsicherheit wirke sich viel direkter auf das Konsumverhalten aus als tiefe Zinssätze. André Bähler: «Wenn ich weiss, dass ich morgen noch eine Stelle habe, dann verhalte ich mich als Konsument anders, als wenn meine berufliche Situation ungewiss ist.» Gleichwohl schiebt er nach: «Das heisst aber nicht, dass die momentane Zinssituation nicht auch Emotionen und Reaktionen auslöst.»

Noch wenig Lust auf Alternativen

Vermutung Nummer 2: Schweizerinnen und Schweizer setzen angesichts der rekordtiefen Zinsen auf andere Formen des Sparens und Anlegens. Benjamin Manz von Moneyland macht klar, dass die Schweizer Durchschnittssparer nicht sehr experimentierfreudig sind: «Eine Umschichtung zu alternativen Anlagen im grossen Stil hat bis jetzt noch nicht stattgefunden. Schweizerinnen und Schweizer sind risikoavers und wechseln in der Regel nur selten.» Für die Zukunft mag er eine Verhaltensänderung allerdings nicht ausschliessen.

Steckt mehr Geld unter der Matratze?

Vermutung Nummer 3: Statt nach alternativen Anlageformen zu suchen, heben Schweizer Sparerinnen und Sparer vermehrt ihr Geld ab – und stecken es unter die Matratze. Ganz neue Zahlen zu dieser These gibt es zwar nicht. Aber eine Umfrage der Schweizerischen Nationalbank von 2017 liefert Anhaltspunkte. Gefragt wurde damals nach den Gründen, warum Schweizerinnen und Schweizer zuhause – oder an einem anderen Ort – Bargeld auf Vorrat aufbewahren. Sieben Prozent der Befragten sagten, sie machten dies aus Spargründen, beziehungsweise aus Angst vor Negativzinsen. Sehr hoch war der Anteil jener, die Bargeld in grösseren Mengen aufbewahrten, also nicht. Die Verfasser der Umfrage folgerten daher, «dass das Tiefzinsumfeld für private Haushalte kein wesentliches Motiv dafür zu sein scheint, Bargeld zuhause oder in Schliessfächern aufzubewahren». Seit der Publikation der Umfrage ist das Zinsniveau freilich weiter gesunken und die Bankspesen sind weiter gestiegen.

«Viele können gar nicht sparen»

Die Auslegeordnung lässt die Annahme zu, dass die Schweizerinnen und Schweizer trotz Tiefstzinsen ihr Sparverhalten bis jetzt nicht – noch nicht – wirklich geändert haben. Wissenschaftliche Untersuchungen untermauern diesen Zwischenbefund. So ergab eine Studie des Europäischen Zentrums für Wirtschaftsforschung über deutsche Sparer: Das Sparverhalten des Durchschnittsbürgers änderte sich aufgrund der tiefen Zinsen bis jetzt kaum. Karl Flubacher vom VZ Vermögenszentrum mahnt aber, der eigentliche Grund dafür sei womöglich ein ganz simpler: «Viele können gar nicht sparen.» Die erwähnte Studie zeigt tatsächlich, dass es sehr wohl eine Schicht gibt, die ihr Sparverhalten durchaus anpasst und vermehrt auf Wertpapiere setzt: vermögende, jüngere und risikobereite Männer (siehe Portrait unten).

Ein letztes Studienresultat verdeutlicht, wie sehr sich viele Sparerinnen und Sparer trotz den bisher weitgehend ausgebliebenen Verhaltensänderungen Sorgen machen: Würden in grossem Stil Negativzinsen auf Bankeinlagen eingeführt, würde mehr als ein Drittel der Befragten ihr Geld abheben. Was sie mit all dem Bargeld machen würden, ist allerdings völlig offen.

Der junge Zürcher Finanzblogger Thomas Kovacs lebt minimalistisch und spart exzessiv. Er will so maximale finanzielle Freiheit erlangen.

Sparsamkeit als Lebenshaltung

Thomas Kovacs ist 23 Jahre alt – und hat ungeachtet seines jungen Alters schon sehr viel über Geld und übers Sparen nachgedacht. Und: Er macht seine Erkenntnisse öffentlich. Kovacs betreibt nämlich den Finanzblog «Der Sparkojote» sowie einen gleichnamigen YoutubeKanal. Mit erst 17 Jahren eröffnete er zudem einen Online-Spielshop und sparte seither ein Vermögen von 182 000 Franken an. Der 23-Jährige investiert an der Börse, lebt von Einnahmen aus seinem Spielshop, Blog und YouTubeKanal und gibt pro Monat maximal 2000 Franken aus. Teure Mode, teure Ferien, Essen im Restaurant, Ausgang: Auf all das verzichtet der arbeitsame und disziplinierte Minimalist Thomas Kovacs bewusst, «denn all das trägt nicht zu meiner Lebensqualität bei». Alle seine Investitionen und Finanzen legt er in seinem Blog und seinen Videos offen. Schlussendlich dreht sich bei Thomas Kovacs alles darum, finanzielle Freiheit zu erlangen und damit selbstbestimmt leben zu können: «Ich konzentriere mich in meinem Leben auf das, was wirklich wichtig ist. Sparen ist ein Nebeneffekt dieser Lebenshaltung.» In der Schule sei ihm vieles beigebracht worden, nur «das Wichtigste» nicht: «Der Umgang mit dem, was später dein Leben bestimmt: dem Geld». Dabei wäre dies, auch im Hinblick auf das Alter und angesichts der momentanen Zinssituation, eigentlich fast unverzichtbar, sagt Thomas Kovacs. Wie fest das Thema Sparen derzeit auch junge Menschen bewegt, zeigt sein Angebot: Seine Videos werden jeweils mehrere Tausend Mal angeklickt, vorab von 18-bis 30-jährigen Männern.

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