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Cilette Ofaire | Sehnsucht nach Freiheit

09.04.2021 – RUTH VON GUNTEN

Im September 1933 sticht das Dampfboot «Ismé» in La Rochelle an der französischen Atlantikküste in See. Kapitänin ist die Schweizerin Cilette Ofaire, die erste staatlich geprüfte Frau in diesem Beruf. Mit wenigen Matrosen, darunter dem Italiener Ettore, will sie Spanien und Portugal umschiffen. Die stürmischen Wintermonate, korrupte Hafenbeamte oder Geldnot zwingen die Crew manchmal wochenlang, in einem Hafen auszuharren, bis sie im Sommer 1934 durch die Strasse von Gibraltar ins Mittelmeer einfahren können. Den Lebensunterhalt bestreitet die Kapitänin mit dem Schreiben von Erzählungen und der Aufnahme zahlender Gäste an Bord. Während des langen Aufenthalts im Hafen der Insel Ibiza geraten Schiff und Mannschaft in die Wirren des spanischen Bürgerkrieges. Bombeneinschläge beschädigen die «Ismé» und zwingen die Kapitänin mit ihrer Crew – bestehend nur noch aus Ettore und seiner schwangeren Frau – auf der Insel Zuflucht zu nehmen. Im Dezember 1936 werden sie unerwartet alle zur Ausreise aus Spanien gezwungen. Schweren Herzens müssen sie das Schiff aufgeben.

Die Autorin Cilette Ofaire nennt das Buch über ihre Schiffsreise einen romanhaften Bericht. Publiziert wird «Ismé» 1940 zuerst in Lausanne und später in Frankreich. Es wird schnell zum Bestseller und erscheint in verschiedenen Sprachen. Die ergreifende Menschenliebe, die das Buch durchdringt, der Drang nach Freiheit wie auch das humorvolle Wesen der Autorin berühren die Menschen, die unter dem Zweiten Weltkrieg leiden. Geschrieben in einer frischen und schnörkellosen Sprache faszinieren die abenteuerliche Seereise und das Leben auf dem Schiff Leser und Leserinnen – damals wie heute.

Herausgeber der Neuausgabe von «Ismé» ist der Schweizer Publizist und Literaturkritiker Charles Linsmayer. Seine ausgezeichnete Biografie der Autorin bereichert die Ausgabe. Fotografien aus dem Leben von Ofaire und ihr gezeichnetes Bordtagebuch ergänzen das Buch vorzüglich, das gleichzeitig auf Deutsch und Französisch erschienen ist.

Cilette Ofaire, 1891 im Kanton Neuenburg geboren, absolvierte eine Ausbildung als Malerin. Mit ihrem Mann, dem Künstler Charles Hofer, fuhr sie auf Flüssen und Kanälen durch Europa, bis sie nach dem Scheitern der Ehe das Dampfboot Ismé kaufte. Die Malerei musste sie wegen eines Augenleidens gänzlich aufgeben. In Südfrankreich, wo sie sich später niederlies, verfasste sie mehrere Romane. Nach ihrem Tod 1964 geriet die Autorin in Vergessenheit, bis sie in den späten Achtzigerjahren wiederentdeckt wurde.

Cilette Ofaire
«Ismé»
Th. Gut Verlag, Zürich, 2020
560 Seiten, 39 CHF

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