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Rebecca Gisler | Haushalt mit Onkel

07.10.2022 – BEAT MAZENAUER

Es ist eher die Ausnahme, wenn eine Autorin oder ein Autor ein Buch in zwei Sprachen veröffentlicht. Rebecca Gisler macht eine solche Ausnahme. Ihr Buch «Vom Onkel» erschien 2021 zuerst unter der nicht lupenrein korrekten Überschrift «D’oncle» auf Französisch. Der kleine Makel signalisiert, dass sie gerne frei und kreativ mit der Sprache spielt. Sie beweist es auch in der deutschen Version.

REBECCA GISLER Vom Onkel. Atlantis-Verlag, Zürich, 2022. 144 Seiten. 27 CHF.

«Vom Onkel» spielt in der Bretagne, in einem idyllisch anmutenden Dorf an der Atlantikküste, wo wenig passiert und der nahe Supermarkt neben der örtlichen Vieille Auberge die einzige Attraktion ist. Hier leben die Erzählerin und ihr Bruder in einer «unfreiwilligen Wohngemeinschaft» mit dem Onkel, einem durchaus liebevollen, dickleibigen Zeitgenossen, der an zunehmender Inkontinenz leidet, sich immer weniger wäscht und sein Zimmer mit Abfällen vermüllt.

Die Gründe für diese Menage à trois bleiben ebenso im Dunkeln wie andere Familiengeheimnisse, die unter dem Schleier des Schweigens nur vage Umrisse erhalten. Meist herrscht im Haus und im schönen Garten, von dem es umgeben ist, eine ruhige Gelassenheit. Bloss hin und wieder steigt der Puls, etwa wenn der Onkel akut ins Spital gebracht werden muss oder der Bruder wenig später entnervt abreist.

REBECCA GISLER D’Oncle. Ed. Verdier, Paris, 2021. 122 Seiten. 24 CHF.

Rebecca Gisler erzählt davon in einem unspektakulären, ruhigen Buch, das vor allem durch seine Sprache brilliert. Sie packt ihre Beobachtungen in lange, verwickelt schön komponierte Sätze, die sich der Lektüre nicht verweigern, sondern sie sanft dahin tragen und zum Schwingen bringen. Zwar fehlt es ihrer Geschichte hin und wieder ein wenig an Schärfe, denn der Onkel stört nicht und provoziert nicht. Auch der Reisefilm über die Schokoladenschweiz, den sich der Bruder und die Erzählerin zu Gemüte führen, weil sie von da kommen, wirkt ein wenig klischeehaft. Doch im Zentrum dreht sich das Leben um den Onkel.

Wo sich alle angewidert oder überfordert von ihm abwenden, hält ihm die freundliche Erzählerin die Treue, weshalb sie ihn am Ende, als er auf einmal verschwunden ist, suchen geht – und ihn findet, wie er dabei ist, eine Möwe zu verspeisen. Der Charme dieses tragikomischen Buches liegt in der unerschütterlichen Empathie, mit der sich die Erzählerin nicht von den Kapriolen ihres Onkels abschrecken lässt. Für dieses Porträt «voll tiefer Menschlichkeit» ist Rebecca Gisler 2021 mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet worden.

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