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  • Editorial

Raketenstart und Kanonendonner

09.12.2021

«Für Flüchtlinge ist es eine Art Wunder, ein neues Leben in einem Land zu beginnen, in dem sie nicht unbedingt willkommen sind»: Das sagt die St.Gallerin Priya Ragu, die unser Cover zeigt.

Marc Lettau, Chefredaktor

Priya Ragu weiss, wovon sie spricht. Sie ist in einer tamilischen Flüchtlingsfamilie aufgewachsen. Doch inzwischen haben sich die Vorzeichen gründlich gewandelt. Priya Ragu ist als Sängerin zum Weltstar geworden. Der Verlauf ihrer bisherigen Karriere ist raketenhaft und sie ist auf den ganz grossen Bühnen willkommen: Ihr fliegen nicht nur an Festivals wie Montreux die Herzen zu, sondern auch im Sprachraum, aus dem ihre Eltern stammen. Und sie trägt auf Tamilisch Werte in die Ferne, die ein durchaus schweizerisches Selbstverständnis widerspiegeln. So dreht sich ihr Song «Kamali» um die Rechte und die Stellung der Frau in der Gesellschaft, um die Ermächtigung von Mädchen, ihren Traum zu leben. Der Song ist ein Bestseller.

Bestseller von komplett anderem Klang sind Waffen aus der Schweiz. Die Exportzahlen sind hoch. Und das Thema ist politisch explosiv. Die Debatte, in welche Länder die Schweiz Kanonen, Munition, gepanzerte Fahrzeuge und anderes Kriegsgerät überhaupt soll exportieren dürfen, ist ein Dauerbrenner. Das ist nachvollziehbar, denn Kriegsmaterialexporte tangieren das Selbstbild der Schweiz als neutrales, friedliches Land, das doch lieber auf Diplomatie als auf Säbelgerassel setzt. Wie so oft ist die Sache auch im vorliegenden Fall komplexer, als sie auf den ersten Blick scheint: Das Kriegerische war lange vor Käse und Schokolade der eigentliche Kassenschlager der eidgenössischen Exportwirtschaft. Schweizer Söldner dienten drei Jahrhunderte lang auf den Schlachtfeldern Europas und in Kolonialarmeen in aller Welt. Und sie hatten nicht den Ruf, zimperlich zu sein.

Das heutige Selbstbild als humanitäres, friedliches, neutrales Land ist somit der Ausdruck eines bewussten Wandels: Das Söldnertum ist längst strikte verboten und Exporte militärischer Güter unterstehen strengen Regeln. Diese Regeln werden jetzt noch strenger: Auf Druck der Öffentlichkeit hat das Parlament die Gesetzeslage weiter verschärft: Die Regierung verliert bei der Bewilligung von Ausnahmen ihren bisherigen Spielraum. Das ist gut so. Das Ende des Dauerstreits über Waffenexporte ist dies aber nicht. Denn die Schlüsselfrage, ob denn Waffenexporte die Welt überhaupt friedlicher machen können, ist auch nach der erfolgten Gesetzesverschärfung keineswegs vom Tisch.

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