Mirjana Spoljaric Egger | Die erste Präsidentin des IKRK
17.07.2026 – Stéphane Herzog
Seit Ende 2022 ist Mirjana Spoljaric Egger Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Sie trat ihr Amt in schwierigen Zeiten an: Der Krieg in der Ukraine hatte einen Rückgang der Spenden zur Folge. Gleichzeitig kommt es weltweit häufiger zu Verstössen gegen das humanitäre Völkerrecht. Dem will die IKRK-Präsidentin mit einer neuen Initiative entgegenwirken.
Für eine Organisation, die sich nach eigenen Angaben der Gleichstellung von Frauen und Männern in Führungspositionen verschrieben hat, war die Ernennung der Diplomatin Mirjana Spoljaric Egger zur neuen Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) im Oktober 2022 ein symbolträchtiger Schritt. «Es war höchste Zeit», kommentiert Philippe Lazzarini, ehemaliger Generalkommissar des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA).
Beim Antritt ihrer Stelle wurde die in Kroatien geborene Baslerin infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 in ein chaotisches Umfeld katapultiert. Das IKRK geriet durch den Krieg unter enormen Druck. «Wir beobachten alle Einsätze vor Ort sehr genau. Dadurch wird unsere Arbeit noch heikler und komplizierter», erklärt ein Kenner der humanitären Hilfsorganisation. Die ukrainischen Behörden kritisierten das IKRK, weil dessen Delegierte keinen vollständigen Zugang zu ukrainischen Kriegsgefangenen in Russland erhalten. «Das liegt daran, dass uns dieser Zugang nicht gewährt wird», betont Mirjana Spoljaric Egger gegenüber der Presse.
Eine weitere Folge des Konflikts ist ein Rückgang der finanziellen Unterstützung, insbesondere der Vereinigten Staaten und europäischen Länder. Ein Teil der Gelder floss nämlich direkt in die Ukraine oder kam Flüchtlingen in Europa zugute. Dadurch wurde das vom ehemaligen Präsidenten Peter Maurer angestrebte Wachstum des IKRK gestoppt. Ende 2023 gab Mirjana Spoljaric Egger bekannt, dass die Organisation sich künftig wieder verstärkt auf den Schutz und die Unterstützung von Opfern von Konflikten konzentrieren wolle. Ende 2025 baute das IKRK 2900 Vollzeitstellen ab und schrumpfte auf den Personalbestand von 2017 mit insgesamt 15 000 Beschäftigten.
Menschlichkeit im Zeichen von Sparmassnahmen
Steht der Multilateralismus also unter Druck? Auf diese Frage reagierte Mirjana Spoljaric Egger mit der Lancierung einer weltweiten Initiative zur Wiederbelebung des politischen Engagements für das humanitäre Völkerrecht. Sie befasst sich auch mit dessen Anwendung in Bereichen wie autonomen Waffen, Cyberkrieg und künstlicher Intelligenz. Manchmal scheint das Gesicht der Schweizerin das Leid der Menschen im Krieg widerzuspiegeln. Besonders betroffen war sie bei ihrem jüngsten Besuch in Gaza, wo sie ein «moralisches Versagen» beklagte. Auf die Frage nach den zahlreichen Tragödien, mit denen sie konfrontiert ist, verweist Egger auf die Arbeit des IKRK. «Schon eine einfache Nachricht eines gefangenen Soldaten an seine Mutter kann eine Erleichterung sein. Einer Familie zu ermöglichen, einen geliebten Menschen in Würde zu bestatten, ist ebenfalls ein Anliegen, für das sich unser Einsatz lohnt», betont sie.
«Mirjana Spoljaric Egger ist jemand, der Mitgefühl für die Opfer des Krieges zeigt», bemerkt Philippe Lazzarini, der Ende März 2026 sein Amt als Generalkommissar der UNRWA niedergelegt hat. Gerade im Hinblick auf Gaza, wo 400 Mitarbeitende des IKRK getötet wurden, stösst die Neutralität der Organisation zunehmend auf Unverständnis. «Zwar kritisiert die Präsidentin allgemein Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht, doch sie vermeidet es, den Aggressor beim Namen zu nennen. Dabei hindert die Neutralitätspflicht nicht daran, eine kriegführende Partei zu nennen, wenn alle Schritte gegenüber der betreffenden Partei ausgeschöpft sind», argumentiert er. Ende April reiste Mirjana Spoljaric Egger in den Iran, um dringende humanitäre Fragen zu besprechen. Im Mai besuchte sie ein Gefängnis in Bagdad. Sie erklärt: «Das IKRK ist weiterhin entschlossen, an vorderster Front in Konfliktgebieten tätig zu werden – dort, wo nur wenige andere Organisationen arbeiten können.»
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