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  • Porträt

Alan Roura oder die Schule des Meeres

07.06.2021 – Stéphane Herzog

Der Schweizer Segler Alan Roura hat im Januar seine zweite «Vendée Globe» beendet. Er war erneut der jüngste Teilnehmer dieser extremen Regatta. Die Seefahrerkarriere des Sohnes eines Spenglers begann auf einem Genfer Hausboot.

Das Häuschen, das Alan Roura während der Aufenthalte in der Schweiz als Basis dient, steht auf den Anhöhen des Hafenstädtchens Versoix am Genfersee. Nur wenige Schritte entfernt schlummern in einer alten Bootswerft alte Segelschiffe und am Hang verläuft die Autobahn. Hinter dem Eingangstor verbirgt sich eine tadellos aufgeräumte Werkstatt. Hier arbeitet der Spengler Georges Roura, der Vater des Genfer Seglers: Willkommen im Haus der Familie Roura! An der Schwelle empfängt uns Alan, der nach seiner 95 Tagen dauernden Weltumseglung – der harten Regatta «Vendée Globe» – wieder festen Boden unter den Füssen hat, entspannt und freundlich.

Wenden wir uns aber zuerst den Anfängen zu. Der kleine Alan ist bereits früh auf einem Boot zuhause: Seine Eltern wollen Miete sparen und sich auf eine Seereise vorbereiten. Alan ist erst zwei, da kaufen Vater Georges und Mutter Myriam, deren einziges gemeinsames Kind er ist, ein Boot und richten sich auf dem Genfersee ein. Die in Genf vertäute Almyr ist zehn Meter lang. Die kleine Jacht beherbergt nebst den Eltern die vier Kinder der Patchworkfamilie. Alans Erinnerung: «Drei der Kinder schliefen in einer vier Quadratmeter grossen Kabine im Heck. Der pure Luxus!» Eine Schule betritt er nie: «Ich bin gewiss kein Streber.» An den Wochenenden ist die Familie auf dem Genfersee unterwegs und bereitet sich auf die grosse Reise vor.

Eine Familie auf dem Wasser

Neben der Almyr liegt die Ludmila, ein Segelboot von 12,5 Metern Länge. Die Familie kauft es und poliert es auf, mit Ziel Port-Camargue. Alan: «Mein Vater träumte vom Aufbruch. Er war weder Seemann noch las er Reiseberichte von Seeleuten. Er ist jemand, der aus sich selbst heraus lebt, nicht durch andere. Er hatte seinen Seeführerschein erworben. Wir haben alles auf See gelernt.» Als sie aufbricht, hat die Familie keinen genauen Plan. Die Ludmila führt die Familie – mit Ausnahme der grossen Schwester, die in Genf zurückbleibt – in die Antillen. Die Reise dauert ein Jahr. Der Vater unterrichtet Mathematik, die Mutter Französisch. Nach vier Reisejahren kehren die Rouras kurz nach Europa zurück, brechen aber gleich wieder in die Karibik auf. Auf jeder Etappe wird gearbeitet, um die Bordkasse zu füllen.

Arbeiten für einen in der Karibik

Die Familie segelt, wohin der Wind sie trägt und dorthin, wo sie Arbeit finden. In Venezuela endet ihr siebenmonatiger Einsatz für eine Bootswerft mit einem Misserfolg: Die Löhne werden nicht ausgezahlt. Sie ziehen weiter nach Martinique, dann nach Grenada, wo der Milliardär Georges Cohen auf einer Privatinsel einen Palast bauen lässt. Georges Roura leitet ein Team aus acht Einheimischen, die er in Galvanik und Spenglerei ausbildet – Handwerkskünsten, die vor Ort Erfolg bringen. Der Familie steht eine Pfahlbauhütte zur Verfügung – und Alan leitet den kleinen Hafen. Er urteilt lachend: «Das war ein Drecksjob.» Aber der 15-jährige Alan findet dabei Zeit, Gutbetuchte zum Hochseefischen mit aufs Meer zu führen, darunter den französischen Unternehmer Serge Dassault. Etwas später besteht die Crew der Rouras nur noch aus Georges und Alan. Sie steuern die nun 40 Jahre alte Ludmila in den Pazifik. Nach 22 Tagen auf See und nach Nächten am Steuerruder erreichen die beiden Tahiti. Alan ist inzwischen 17 Jahre alt.

Alan Rouras Ursprung ist nicht die Regatta, sondern das Meer.

Genfer Bernard Schopfer

Kenner der Geschichte des Segelns

In die Küche, in der wir uns unterhalten, tritt – von einem Windstoss begleitet – Alans Vater Georges: schlank, weisshaarig, lächelnd, direkt, mit intensivem Blick und von der Arbeit gezeichneten Händen. Von ihm sagt Alan, er sei ein hervorragender Segler. Was ist denn die Definition eines guten Seglers? Alan: «Jemand, der es bei jedem Wetter von Punkt A nach Punkt B schafft und sein Boot in gutem Zustand zurückbringt, ohne unnötige Risiken eingegangen zu sein.» Er weiss, dass es auch mal schiefgehen kann: Vor Neukaledonien entgehen Vater und Sohn nach einer Havarie nur knapp der Katastrophe. Eine Notreparatur inmitten zehn Meter hoher Wellen rettet sie.In Neukaledonien endet schliesslich die gemeinsame Reise auf der Ludmila – und Alan tritt in die Welt der Hochseeregatten ein. «Im Gegensatz zu Schweizer Seglern wie Dominique Wavre ist Alan Rouras Ursprung nicht die Regatta, sondern das Meer», sagt der Genfer Bernard Schopfer, ein Kenner der Geschichte des Segelns.

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Ausgerüstet mit immenser Hochseeerfahrung und bester Technik reiht Roura einen Klassiker an den anderen: MiniFastnet, Mini-Transat, Transat Jacques Vabre. Am Ende findet er zur «Vendée Globe», die als weltweit härteste Regatta für Einhandsegler gilt. Diesen «Everest der Meere» hat Alan Roura inzwischen zweimal als Jüngster bezwungen. Die «Vendée» 2016/2017, die er auf dem 12. Platz beendete, war für ihn ein entdeckungsreiches und vergnügliches Abenteuer. Dieses Jahr kam Alan Roura auf dem Boot «Fabrique» nach zwei Havarien als 17. ins Ziel. Er hatte die halbe Strecke mit einem in der Achse blockierten Kiel bewältigt.

Ein Boot ohne jeglichen Komfort

Die «Fabrique» ist eine 2007 konstruierte Segeljacht des Typs IMOCA. Sie ist ein Boot, «auf dem ich keine zwei Tage verbringen würde», sagt Experte Schopfer. Alans Entgegnung: «Solange alles gut geht, ist es ein Segelboot wie jedes andere. Sobald jedoch ein Problem auftritt, wird man sich seiner enormen Kraft bewusst.» Ein 400 Quadratmeter grosser Spinnaker liegt im Wasser? Da sind schon mal bis zu sechs Stunden harte Arbeit erforderlich, bis das Segel wieder an Bord ist. Eine Halse mit diesem Boot? Die Prozedur dauert ungefähr eine Stunde. Das Boot verhält sich wie ein Resonanzkörper. «Die konstante Bewegung macht es unmöglich, den Körper zu entspannen.» Komfort? «Ein Eimer als Toilette und eine Flasche zum Duschen.» Für eine Landratte oder einen Freizeitsegler wäre die Geschwindigkeit von 30 Knoten – rund 60 km/h – furchteinflössend: «Hat man sich erst daran gewöhnt, erscheinen einem 20 Knoten zäh und langsam.»

Kaum im Ziel, haben Roura und sein Team die Arbeit sofort wieder aufgenommen. Die «Fabrique» war von der gleichnamigen Waadtländer Backwarenfirma gesponsert worden. «Jetzt suchen wir nach einem neuen Sponsor, wenn möglich aus der Schweiz», sagt Alans Frau Aurélia. Die Vendée ist ein Vollzeitprojekt.

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