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Martin R. Dean | Nach der Stunde null

05.08.2022 – BEAT MAZENAUER

Eine kurze Unachtsamkeit, ein dummer Zufall – und das Leben ist ein anderes. Dieser kurze Moment widerfährt dem vitalen Künstler Samuel Butt. Als er aufwacht, liegt er angegurtet auf einer Operationsliege und erhält die erste Diagnose: inkomplette Querschnittlähmung. Neben ihm steht sein Freund Florian Füssli, der bei der Operation assistiert.

Martin R. Dean stellt in seinem neuen Roman «Ein Stück Himmel» eine Freundschaft auf den Prüfstand dieser Extremsituation. Sam und Florian haben sich die letzten drei Jahre aus dem Blick verloren. Das unverhoffte Wiedersehen lässt sie an alte Geschichten erinnern und offenbart gleich auch wieder, wie verschieden sie im Grunde sind. Der freiheitsliebende Sam trägt schwer an seiner Lähmung, während der verlässliche Florian so gut wie möglich zu helfen versucht. So waren die beiden schon immer gewesen, seit ihrer gemeinsamen Schulzeit.

Martin R. Dean: Ein Stück Himmel. Roman. Atlantis Verlag, Zürich, 2022.

Im Wechsel der Erzählperspektiven erzählt Martin R. Dean, wie Sam nach seinem Unfall Mühe bekundet, sich diszipliniert ans Leben im Rollstuhl zu gewöhnen. Florian versucht ihm beizustehen. Schliesslich reisen sie gemeinsam nach Portugal, in der Hoffnung, so ihre alte Vertrautheit wiederherzustellen. Es will nicht recht gelingen. Wo der gescheiterte Künstler ein Ungebärdiger bleibt, fühlt sich der Arzt mitunter als «Idiot der Gesundheitsindustrie». Man muss verletzen, um zu heilen, ist sein Wahlspruch. Dagegen rebelliert Sam, weil es ihm stets um die ganze Freiheit geht. Im Inneren aber rumort es bei beiden. Während der schüchterne, zurückhaltende Florian seinen Freund um seine Vitalität beneidet, nagt Sam an seinen Misserfolgen. Seine Karriere als Künstler stiess immer wieder an Grenzen, so dass ihm nur die Freiheit blieb, und die Liebe.

«Ein Stück Himmel» lotet diese diffizile Beziehung subtil aus und stellt sie in einen Kontext, der etwas Ungemütliches mit in den Text hineinträgt. Es ist dieser Augenblick der Unachtsamkeit, der das ganze Leben zum Kippen bringt. Martin R. Dean arbeitet ihn beeindruckend heraus und konfrontiert die Leser und  eserinnen nachhaltig mit einer Erfahrung, die uns alle jederzeit einholen kann. Wie darauf reagieren? Mit Widerstand, wie es Sam tut, oder mit Demut, wozu Florian rät? Diese Klammer hält Martin R. Deans Buch bis zum bitteren Ende beeindruckend zusammen. Die tröstliche Szene ganz am Schluss ist lediglich eine Reminiszenz an Tage, als die Welt noch heil war.

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