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La pozza del Felice – Tage mit Felice

25.11.2020

«Er ist es, der klopft und mich weckt. Es ist noch nicht einmal halb sechs.» Der Alltag von Felice im abgelegenen Tessiner Dorf beginnt im Morgengrauen mit einem besonderen Ritual. Der Ich-Erzähler, ein junger Mann, der Stadt entflohen, darf den neunzigjährigen Felice dabei begleiten. Meist schweigend steigen sie täglich und bei jeder Witterung in die Berge hinauf, um in einem natürlichen Wasserbecken (italienisch «la pozza») zu baden. Der junge Mann berichtet vom Leben im Dorf, doch vor allem protokolliert er jeden gemeinsamen Moment mit Felice. Der Alltag des charismatischen Mannes, dessen Leben nicht einfach war, besteht aus handfesten, praktischen Verrichtungen wie Holzhacken, Kochen, den Nachbarn helfen. Der Tagesablauf im Bergdorf, in dem vor allem alte Leute geblieben sind, verläuft immer gleich. Doch es geschehen unerwartete Dinge: Felice erhält einen mysteriösen Brief. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht, bald wissen alle davon, aber keiner weiss, was im Brief steht. Felice scheint Besuch zu erwarten; er beginnt in seinem Haus ein Zimmer einzurichten.

Der Autor Fabio Andina schreibt schnörkellos, doch klangvoll. Die Bergwelt schildert er als hart, aber nicht als feindselig. In manchen poetischen Wendungen ist die Verbundenheit des Autors mit dem Tessiner Tal spürbar. Andina beschreibt einen realen Ort, teils autobiografisch, teils fiktiv, wie er selbst in einem Interview sagte. Dorforiginale, Leute die nicht ins Schema des Leistungs- und Konsumdenkens hineinpassen, gehören hier ganz selbstverständlich zur Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig hilft. Doch auch Probleme wie der hohe Alkoholkonsum oder die Abwanderung bleiben nicht unerwähnt.

Wunderbar die Figur von Felice (auf Deutsch «der Glückliche») – wie er Sorge zu sich selbst trägt und immer für die andern Dorfbewohner da ist. Ein Buch mit entschleunigender Wirkung über einen Menschen, der mit sich im Reinen ist. Übersetzt wurde der Roman von Karin Diemerling, die geschickt einige Ausdrücke in der Originalsprache belassen hat und so das Ambiente bestens wiedergibt.

Fabio Andina, 1972 in Lugano geboren, studierte in San Francisco Filmwissenschaften. Heute lebt der Autor wieder im Tessin. 2005 erschien sein erster Gedichtband und 2016 sein erster Roman. «Tage mit Felice» ist sein zweiter Roman und der erste, der ins Deutsche übertragen wurde. 2021 wird der Roman im Verlag Editions Zoé, Genf, in französischer Sprache erscheinen.

RUTH VON GUNTEN

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