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Vom Krieg geweckt, hofft die Schweiz auf Solarstrom aus den Alpen

27.01.2023 – STÉPHANE HERZOG

Mit Fotovoltaik deckt die Schweiz rund sechs Prozent ihres Stromverbrauchs. Im europäischen Vergleich ein nur mittelmässiger Wert. Doch der Ukraine-Krieg wirkte wie ein Stromschlag. Vielerorts wird auf Solarprojekte gesetzt, auch in den Alpen. Mit ihnen nimmt aber auch die Polemik zu.

Die Schweizer Fachleute im Bereich der Fotovoltaik können es kaum fassen. Seit der Invasion Russlands in die Ukraine erlebt die Branche einen markanten Boom, die Bestellbücher sind voll. Die Solar-Unternehmen werden von Aufträgen geradezu überschwemmt. «Gegenüber 2021 haben wir unser Personal verdoppelt», sagt etwa Yvan Laterza, Inhaber von I-Watt, einem kleinen Unternehmen mit Sitz in Martigny (VS). Und Jean-Louis Scartezzini, Leiter des Labors für Solarenergie und Gebäudephysik der EPFL, spricht von einer Zeitenwende: «Vor vierzig Jahren waren wir die Prediger in der Wüste. Jetzt sind die Bedingungen für erneuerbare Energien und insbesondere für die Fotovoltaik günstig.»

Der Ingenieur beschreibt eine Schweiz, die zwischen 1985 und 1995 im Bereich Solarenergie führend war, sich dann aber auf ihren Lorbeeren ausruhte und die Ausbildung von Fachleuten auf diesem Gebiet vernachlässigte. Stéphane Genoud, Professor für Energiemanagement an der HES-SO Valais–Wallis, bedauert diesen Rückstand. «Die Gesetzgebung in Europa schreibt Sonnenkollektoren auf allen Neubauten vor. Diese Pflicht dürfte bald auch auf bestehende Gebäude ausgedehnt werden», sagt er. Auch im politischen Diskurs ist von Mängeln die Rede: «Wir haben hier die Kurve tatsächlich etwas langsam gekriegt», räumt etwa Nationalrat Jacques Bourgeois (FDP, FR) ein und verweist auf Süddeutschland, wo die Fotovoltaik bestens etabliert ist.

«In Höhenlagen verdoppelt sich der Ertrag von Sonnenkollektoren»

Jacques Bourgeois

FDP-Politiker

Der neue Solarboom wurde unter anderem auch von Bundesrat Guy Parmelin angestossen. Gestützt auf einen Bericht über die Stromversorgungssicherheit im Lande warnte er im September 2021 vor einer möglichen Stromknappheit – und löste damit eine mittlere Panik aus. Die Invasion in die Ukraine verdeutlichte schliesslich die enorme Energieabhängigkeit der Schweiz – insbesondere von Nuklearstrom aus Frankreich, aber auch von deutschem Strom, für dessen Herstellung teilweise russisches Erdgas eingesetzt wird. Als kollaterale Kriegsfolge schossen die Strompreise auch in der Schweiz in die Höhe, teils um mehr als 30 Prozent. Nach 20 Jahren stabiler Preise müssen etwa die Stromkunden im Zentralwallis statt wie bisher 20 Rappen pro Kilowattstunde nun 28 Rappen hinlegen, rechnet Arnaud Zufferey vor, dessen Büro Gemeinden bei der Energiewende berät. Alles beschleunige sich, «aber eigentlich war Solarstrom schon vor fünf Jahren rentabel», betont er. Sein Haus hat Zufferey mit Solarpanels ausgestattet. Der so erzeugte Strom kostet 15 Rappen/kWh und betreibt ein Elektroauto. Ein 10 Quadratmeter grosses Solarpanel liefert genug Strom für 10 000 Kilometer Fahrt pro Jahr, hält er fest.

Bundesparlament forciert Solarenergie

Mit der Annahme eines dringlichen Bundesgesetzes Ende September 2022, das den Bau grosser Solaranlagen in den Alpen ermöglicht, setzte das Schweizer Parlament ein starkes Zeichen. Anlagen mit einer Jahresproduktion von mehr als 10 Gigawattstunden werden von vereinfachten Planungsverfahren profitieren können und vom Bund finanziell unterstützt. Und bei Neubauten mit einer Fläche von mehr als 300 m2 muss eine Solaranlage auf dem Dach oder an den Fassaden installiert werden. Dabei werden die raumplanerischen und umweltschützerischen Prioritäten neu gewichtet: Der Zubau neuer Solaranlagen hat grundsätzlich Vorrang, die nationalen, regionalen und lokalen Schutzinteressen verlieren an Gewicht.

Das dringliche Bundesgesetz hat zumindest im Wallis bereits zu heftigen Debatten geführt, denn hier manifestiert sich die Solaroffensive am deutlichsten: Propagiert wird ein alpines Super-Solarkraftwerk bei Grengiols.

«Vor vierzig Jahren waren wir die Prediger in der Wüste. Jetzt sind die Bedingungen für erneuerbare Energien und insbesondere für die Fotovoltaik günstig.»

Jean-Louis Scartezzini

Ingenieur und EPFL-Professor

Für die grüne Walliser Kantonspolitikerin Céline Dessimoz sind die gefallenen Beschlüsse Ausdruck einer gewissen Hysterie. «Das Parlament fällt von einem Extrem ins andere und foutiert sich um die hart erarbeiteten Raumplanungs- und Umweltschutzgesetze», kritisiert sie. Als Umweltschützerin ist sie der Ansicht, dass die Installation von Sonnenkollektoren auf Alpweiden reinem Kommerzdenken folgt. «Die Gemeinden haben das Potenzial solcher Projekte erkannt – und alles muss jetzt schnell gehen. Die Fotovoltaik sollte aber nicht auf Kosten der Landschaft und der Biodiversität forciert werden.» Diese Ansicht löst bei Jacques Bourgeois ein Lächeln aus. «Erst fordert man den Ausstieg aus der Atomkraft, und wenn diese Möglichkeit dann besteht, ist man dagegen», sagt er. Für den FDP-Politiker gehen die durch das dringliche Bundesgesetz ermöglichten Alpenprojekte in die richtige Richtung. «In Höhenlagen verdoppelt sich der Ertrag von Sonnenkollektoren», argumentiert er.

Solarpanels auf Zügen und Autobahnen

Für den Ingenieur und EPFL-Professor Jean-Louis Scartezzini sollten Solarpanels freilich in allererster Linie auf Autobahnen, Dächern und Zügen installiert werden, denn dies seien Flächen, die bereits ans Stromnetz angeschlossen sind und sich in Verbrauchernähe befinden. Er verweist dabei auf das 850 km2 grosse Strassennetz der Schweiz und die Dachflächen, die 500 km2 ausmachen. Aber auch er findet, dass ein Gleichgewicht zwischen Energieproduktion und Umweltschutz gefunden werden muss. «Seit 1990 hat die Schweiz zwei Drittel der Insektenmasse verloren, mit unabsehbaren Folgen für die Biodiversität und das Leben im Allgemeinen. Das darf nicht ausser Acht gelassen werden.» Die Umwandlung von Alpweiden in Solaranlagen würde somit ein im Vergleich mit den Zielen unverhältnismässig hohes Risiko darstellen.

Oben: Die alpine Landschaft bei Grengiols heute. Unten: Die Visualisierung der Projektidee durch die IG Saflischtal. Sie steht dem Ansinnen kritisch gegenüber. Bildmaterial IG Saflischtal

 
 
Das Super-Solarkraftwerk von Grengiols

Eine Kolumne in einer Lokalzeitung lanciert den Traum eines Solar­kraft­werkprojekts in den Walliser Alpen. Ihr Verfasser? Der Politiker Peter Bodenmann, der frühere Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (1987–1997). Der im Februar 2022 im «Walliser Boten» unter dem Titel «Make Grengiols Great Again!» veröffentlichte Text präsentierte die Idee eines Solarkraftwerks, das eine Milliarde Kilowattstunden generieren könne – und dies insbesondere im Winter. Konkret: Die Alpweiden von Grengiols, im Naturpark Binntal gelegen, sollten auf einer Fläche von 700 Fussballfeldern mit Solarpanels ausgestattet werden. Das von der Gemeinde Grengiols unterstützte Projekt würde den Strombedarf von mindestens 100 000 Einwohnern abdecken. Vorteil: Die Effizienz der Panels wäre dank der Höhenlage und idealen Sonneneinstrahlung gross. «Die Anlage könnte sofort realisiert werden», erklärte der Walliser CVPStänderat Beat Rieder gegenüber der Presse. Er hatte Peter Bodenmanns Idee nach Bern getragen, was im September im Parlament in Rekordzeit zu den Beschlüssen zugunsten der Solarenergie führte.

Doch das Projekt löste Wellen der Opposition von Umweltschutzorganisationen aus, etwa der Fondation Franz Weber. Aber selbst die Akademien der Wissenschaften Schweiz riefen zu Zurückhaltung auf. Der Walliser Nationalrat Christophe Clivaz (Grüne) kritisiert, dass hier ein Projekt ohne vorherige Machbarkeitsstudie gestartet werde. Er sagt, der Transport des erzeugten Solarstroms ins Tal könne gar nicht in der im dringlichen Bundesgesetz festgelegten Frist realisiert werden. Gemäss Gesetz ist die Finanzierung jedoch von einer Betriebsaufnahme bis 2025 abhängig. «Zwar ist es möglich, riesige Anlagen in unberührten Gegenden zu bauen, aber auf politischer Ebene ist man nicht fähig, die Installation von Solarpanels auf Dächern, Parkhäusern oder Autobahnen vorzuschreiben», bedauert Clivaz.

Im Gespräch mit Peter Bodenmann in seinem Hotel wischt dieser die Argumente beiseite. Berechnungen der Fachhochschule Westschweiz und der Universität Genf zufolge soll der Stromtransport von Grengiols ins Tal technische Probleme verursachen? «Diese Leute sind nicht informiert», antwortet Bodenmann. Die Umweltauswirkungen? «Die Kollektoren werden die Biodiversität fördern, indem sie geschützte Wärmezonen schaffen. Wir haben ein Problem im Winter. Aber genau im Winter produzieren Panels, die in hohen Lagen installiert sind, viermal mehr Energie als im Tiefland», sagt Bodenmann.

Die Entwicklung der Schweizer Solarenergie verläuft so steil wie die Alpen

Wenn sich die Fotovoltaik im jetzigen Tempo weiterentwickelt, könnten die für 2050 festgelegten Klimaziele erreicht werden. Der Preis der Paneele sinkt, ihre Leistung steigt. Und im Winter bietet sich die Windkraft als Ergänzung an.

Die Solarstromproduktion in der Schweiz beträgt rund 3 Tera­watt­stunden (TWh), also etwas mehr als die Jahresproduktion des (stillgelegten) Kernkraftwerks Mühleberg (BE). Dies entspricht ungefähr 6 Prozent des schweizerischen Stromverbrauchs, ein im europäischen Vergleich nur mittelmässiger Anteil. Nach Schätzung von Swissolar könnten die Dächer und Fassaden der Gebäude in der Schweiz in Zukunft 67 Tera­watt­stunden pro Jahr an Solarstrom generieren. Im Jahr 2021 wurden 700 Megawatt (MW) an Strom aus Fotovoltaik produziert. 2022 dürfte ein Rekordwert von 1000 MW erzielt werden, schätzt Jean-Louis Scartezzini, Professor an der EPFL. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnte das vom Bund für die Solarenergie gesetzte Ziel von 34 Terawattstunden bis 2050 erreicht werden, schätzt Scartezzini. Derzeit beträgt der Gesamt­strom­verbrauch 58 TWh, wovon 18 TWh durch Kern­energie und 10 TWh durch die grossen Walliser Wasser­kraftwerke generiert werden.

Die für den Ausbau der Solarenergie bestimmenden Faktoren sind die Effizienz und der Preis der Solarpaneele. Innerhalb von zwölf Jahren ist ihr Preis um über 90 Prozent gesunken, während sich die Effizienz innerhalb von 30 Jahren verdoppelt hat. Eine Studie der EPFL hat gezeigt, dass nur schon die Nutzung von Süddachflächen über 40 Prozent des Strombedarfs decken könnte. Der Ausbau der Solarenergie wird zuerst über die Installation grossflächiger Solarkraftwerke umgesetzt. «Je grösser, umso günstiger», fasst der Walliser Ingenieur Arnaud Zufferey zusammen. Der Einstandspreis pro Kilowattstunde, die auf einem grossen Dach generiert wird, schwankt zwischen drei und fünf Rappen. Bei einer Villa ist er dreimal höher.

Ein Panel und viele Meinungen

Seit der zweiten Revision des Raumplanungsgesetzes 2018 muss lediglich ein Anmeldeformular für die Installation von Sonnenkollektoren ausgefüllt werden. Demgegenüber erfordert die Installation von Panels ausserhalb von Bauzonen und Gebäuden viel Zeit, denn dafür gibt es keine klaren gesetzlichen Grundlagen. Aber gerade hier hat das Parlament nun Lockerungen beschlossen. Yvan Laterza plant in seinem Solarunternehmen in Martigny rund 20 Stunden für die rechtlichen Formalitäten im Hinblick auf eine Solarinstallation ein. «Die Feuerwehr und sogar die Kaminfeger können Dokumente verlangen, und diese erst noch auf Papier – ein grosser Zeitaufwand», meint er. Der selbstständige Genfer Ingenieur François Guisan weist auf die Einschränkungen hin, die sich aus dem Schutz des Kulturerbes ergeben. Diese können Gebäude betreffen, die in den 1960er-Jahren gebaut wurden.

Die Cousine der Solarenergie: die Windkraft

Nebst der Solarenergie gibt es auch die Windkraft, die im Winter, wenn die Fotovoltaikproduktion zurückgeht, mehr Energie liefert. «In Österreich gibt es über 1400 Windturbinen, in der Schweiz rund 40, obwohl die Topografie dieser Länder sehr ähnlich ist», meint Jean-Louis Scartezzini. Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Energie liegt das Potenzial der Windenergie in der Schweiz bei geschätzten 5 TWh pro Jahr. «Der aktuelle gesetzliche Rahmen ermöglicht aber auch die Installation von Windturbinen in Wäldern, womit dieser Wert nach oben korrigiert wurde» und jetzt bei 30 TWh liegt.

Strom aus Sonne und Wind

Anteil der Stromproduktion aus Solar- und Windenergie am gesamten Stromverbrauch (2021).

Land:Rang:Photovoltaik-Anteil:Wind-Anteil:Total:
Dänemark14.2%49.0%53.2%
Spanien29.5%27.2%36.7%
Irland30.3%34.1%34.4%
Deutschland410.2%23.2%33.4%
Portugal54.6%27.8%32.4%
Griechenland610.0%21.5%31.5%
Niederlande710.1%15.9%26.0%
Rumänien83.5%19.9%23.4%
Schweden91.2%21.8%23.0%
Belgien106.9%14.7%21.6%
Italien119.0%7.3%16.3%
Zypern129.3%5.4%14.7%
Kroatien130.7%13.3%14.0%
Litauen141.7%12.2%13.9%
Polen153.1%10.7%13.8%
Estland164.2%9.5%13.6%
Österreich173.0%10.4%13.4%
Frankreich183.6%8.7%12.3%
Malta1911.4%0.0%11.4%
Finnland200.4%10.4%10.8%
Bulgarien214.9%4.6%9.5%
Luxemburg224.0%5.3%9.3%
Ungarn235.9%1.5%7.5%
Schweiz245.3%0.3%5.6%
Tschechien253.9%1.0%4.9%
Slowenien263.0%0.0%3.0%
Slowakei272.7%0.0%2.7%
Lettland280.1%2.3%2.4%

Quelle: «Ländervergleich 2021» der Schweizerischen Energiestiftung SES, publiziert im Juni 2022. Berücksichtigt wurde Daten aus 28 europäischen Ländern. Fürs Jahr 2022 liegt noch keine Auswertung vor, der Solarenergieanteil der Schweiz dürfte bei rund 6 Prozent liegen. Zur Studie (in Deutsch): revue.link/ses

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