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Tsunamis auf Schweizer Seen: «Eine reale Gefahr»

02.10.2026 – Dölf Barben

Im Jahr 1601 verloren in der Innerschweiz nach einem Erdbeben mindestens zehn Menschen ihr Leben – wegen eines Tsunamis auf dem Vierwaldstättersee. Der Grund für dessen Entstehung lag an einem besonderen Ort.

Höher, weiter, schneller, schöner? Auf der Suche nach den etwas anderen Schweizer Rekorden. Heute: die extremsten Wellen auf Schweizer Seen.

Bei Tsunamis denkt man an Ozeane. Zuallererst an die Katastrophe vom 26. Dezember 2004. Damals löste ein Seebeben im Indischen Ozean verheerende Flutwellen aus. Rund 230 000 Menschen starben.

Doch Tsunamis in der Schweiz? Was zunächst unmöglich erscheint, ist es keineswegs. «Diese Gefahr ist real», sagt der Berner Geologieprofessor Flavio Anselmetti. Er arbeitet seit über zehn Jahren am Thema – zusammen mit Forschenden der Universität Bern und der Eidgenössisch-technischen Hochschule Zürich (ETH).

Der vermutlich am besten dokumentierte Tsunami in der Schweiz ereignete sich am 18. September 1601 auf dem Vierwaldstättersee – ebenfalls durch ein Erdbeben ausgelöst. «Mit einer gewaltigen, wissenschaftlich rekonstruierten Magnitude von 5,9 brachte das Beben die ganze Zentralschweiz zum Zittern. Bäume und Häuser standen schief, Bergflanken bröckelten.»

So steht es in einem Blogeintrag auf der Website des Schweizerischen Nationalmuseums. Autor ist der 32-jährige Historiker Noah Businger. Er sei im Studium zufällig auf das Thema gestossen, sagt er. Als gebürtiger Innerschweizer verfolgte er es weiter. Nun hat er das historische Wissen mit der neuesten Forschung vereint.

Gesang und Geschrei verboten

Der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat hat detaillierte Aufzeichnungen hinterlassen. Bei Buochs drangen bis zu fünf Meter hohe Wellen bis zu einem Kilometer über das Ufer hinaus. Mindestens zehn Menschen starben. Boote lagen weit vom See entfernt. In Luzern zog sich das Wasser aus dem Flussbett der Reuss mehrmals ganz in den See zurück, nur um flutartig wiederzukehren. Heute weiss man, dass es sich um sogenannte Seiches handelte. Dabei schwappt das Wasser wie in einer Badewanne hin und her.

Von all dem hatten die Menschen keine Ahnung. «Dieses Ereignis musste sie erschüttert haben», sagt Businger. Für sie war es Gottes Strafe für sündhaftes Verhalten. Die Obrigkeit wollte die höheren Mächte gnädig stimmen und verbot jegliche Feste sowie Tanzen, Gesang und Geschrei für mehrere Monate.

Doch was war genau geschehen? Die Forschung hat es herausgefunden – unter anderem dank der Aufzeichnungen des Stadtschreibers. Die Information, vom Wasser mitgeschwemmtes Material sei «zwei Hellebarden hoch» über dem üblichen Pegel am Ufer gelegen, liess beispielsweise Rückschlüsse über die Höhe der Wellen zu. Im Gespräch mit dem Geologen Anselmetti wird deutlich, dass der Tsunami aber nicht unmittelbar durch das Erdbeben ausgelöst wurde.

«Wie bei einem Schneebrett»

Das Buochser Seebecken ist gut 200 Meter tief. An den unterseeischen Hängen waren über viele Jahrhunderte grosse Mengen Schlamm und Gestein abgelagert worden. Durch die Erschütterung des Erdbebens gerieten grosse Teile davon ins Rutschen. «Wie bei einem Schneebrett», erklärt Anselmetti. Gleich mehrere Sedimentlawinen glitten bis zum Grund und verdrängten das darüber liegende Wasser – nach oben. Und am Hang, wo sie weggerutscht waren, hatten sie zuvor Wasser nach unten gerissen. Ein See in Aufruhr.

Der springende Punkt: Wird auf einer bestimmten Fläche am Grund eines Gewässers sämtliches Wasser angehoben – die ganze Säule –, ist sehr viel Energie im Spiel. Es entsteht eine Tsunami-Welle, die sich unspektakulär fortpflanzt, aber ihre Wucht kaum verliert.

Falle hingegen ein Felsbrocken in einen See, entstünden andere Flutwellen, sagt Anselmetti. Diese seien am Anfang unter Umständen noch höher als eine Tsunamiwelle, schwächten sich aber rasch ab. Der Energieumsatz sei vergleichsweise gering, weil sich das Ereignis primär an der Seeoberfläche abspiele und nicht grosse Wassermassen angehoben werden.

Die Gefahrenkarte des Kantons Nidwalden zeigt, welche Ufergebiete bei einem Tsunami heute überflutet würden. Karte ZVG/Kanton Nidwalden

Mehrere Risikofaktoren

Doch wie sehen die Tsunami-Risiken bei den Seen in der Schweiz aus? Flavio Anselmetti sagt, zwei Faktoren erhöhten das Risiko: «Geeignete», also mit Schlamm beladene Hänge unter Wasser, und zweitens flache Uferbereiche. Je flacher diese seien, desto weiter könne eine Welle vordringen. Bei Buochs komme beides zusammen. Allerdings, sagt er, seien die meisten Abhänge im Vierwaldstättersee beim Beben 1601 «entladen» worden. Bis dort wieder eine kritische Menge an Sedimenten abgelagert sei, dauere es noch Jahrhunderte.

«Geeignet» sei ein unterseeischer Hang, wenn er eine Neigung von etwa 10 bis 25 Grad aufweise. Sei er steiler, sagt Anselmetti, bleibe kaum Sediment liegen. Sei er flacher, könne das Material nicht im grossen Stil abrutschen. Im Genfer-, Thuner- und Zugersee wären es am ehesten unterseeische Hangrutsche, die nach einem Erdbeben einen Tsunami auslösen könnten. Oeschinen-, Walen-, Lungern- und Brienzersee mit ihren hohen Bergen rundum seien dagegen Beispiele für Seen, wo Flutwellen durch Felsstürze zu erwarten seien.

In der Schweiz sind einige Kantone daran, auf ihren Gefahrenkarten auch das Tsunami-Risiko abzubilden. Der Kanton Nidwalden, der damals am stärksten betroffen war, hat als erster eine solche vorgelegt. Dabei geht es nicht zuletzt um Versicherungsfragen. Flutwellen wie jene von 1601 würden auch heute grosse Schäden verursachen.

Erdbeben? Weg vom Ufer!

Mithilfe moderner Echolotsysteme, die fächerartig funktionieren, ist es heute möglich, den Untergrund von Seen auf den Zentimeter genau zu kartieren. Dabei werden Strukturen und Muster sichtbar, die bis vor Kurzem noch im Dunkeln lagen. Im Zürichsee gibt es Stellen, wo Hänge bereits abgerutscht sind. Im Bodensee wurden Objekte entdeckt, die von Menschen aus der Steinzeit stammen.

Flavio Anselmetti ist bei dieser Arbeit an vorderster Front tätig. Heute lassen sich «geladene» Hänge in den Seen lokalisieren. Diese Analysen seien im Gang, sagt er. Die Ergebnisse werden in die Gefahrenkarten einfliessen.

Die Frage bleibt, wie Menschen vor Tsunamis gewarnt werden können. Ausgeklügelte Systeme mit Bojen und Sirenen seien angesichts der Seltenheit solcher Ereignisse und der kurzen Vorwarnzeiten schwierig umzusetzen, sagt der Geologe. Aber allein das Wissen um die Gefahr eines Tsunamis könne in einem solchen Fall schon entscheidend sein. Das gelte überall auf der Welt. Befinde man sich bei einem Erdbeben im flachen Uferbereich eines Gewässers, sei es ratsam, sich von dort zu entfernen, rät er. «Dann ist mit einem Tsunami zu rechnen.»

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