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Rohstoff Wasser: Die Schweiz ist in Sorge um ihr blaues Gold

09.04.2021 – THEODORA PETER

Die Schweiz verfügt über grosse Wasserreserven. Jeder Haushalt hat jederzeit Zugang zu sauberem Trinkwasser. Oder doch nicht? Im Wasserschloss Schweiz zeigen sich Risse.

Wasser fliesst in der an übrigen Rohstoffen armen Schweiz im Überfluss. Nicht ohne Grund gilt das Land als Wasserschloss Europas. Hier entspringen nicht nur Rhein und Rhone, die in Atlantik und Mittelmeer münden. Schweizer Bäche und Flüsse nähren auch die europäischen Ströme Po, Donau und Etsch. Enorme Reserven des blauen Goldes lagern zudem in den Schweizer Seen und im Grundwasser. Zwar bringt der Klimawandel trockenere Sommer mit sich, lässt Gletscher schmelzen und lokal Quellen versiegen. Doch bleiben Niederschläge auch in Zukunft die bedeutendste Wasserressource der Schweiz. Gespiesen werden die Grundwasservorkommen vor allem durch die Regenfälle im Winterhalbjahr. Jährlich fallen in der Schweiz im Durchschnitt 60 Milliarden Kubikmeter des kostbaren Nass vom Himmel – das entspricht dem Inhalt von Bodensee und Vierwaldstättersee zusammen. Rein mengenmässig scheint in der Schweiz die Versorgung mit Wasser also nicht in Gefahr. Zunehmend für Konfliktpotenzial sorgt aber dessen Qualität.

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Pestizid-Rückstände im Trinkwasser

80 Prozent des Trinkwassers in der Schweiz stammt aus Quellen und Grundwasser, 20 Prozent aus den Seen. Die grössten Grundwasservorkommen sammeln sich unter den Talböden und fruchtbaren Ebenen des Schweizer Mittellandes – dort, wo Gemüse und Getreide angebaut wird. Auf den intensiv genutzten Landwirtschaftsflächen kommen seit Jahrzehnten Pestizide zum Einsatz, die für Kontroversen sorgen. Jüngstes Beispiel ist das Fungizid Chlorothalonil: Der Wirkstoff ist in Pflanzenschutzmitteln erhalten, die seit den 1970er-Jahren über Äckern versprüht wurden, um Pilzbefall zu bekämpfen.

Der Wirkstoff ist seit 2020 verboten, nachdem die Behörden den Stoff als potenziell gesundheitsgefährdend einstuften. Dass der Stoff wahrscheinlich krebserregend ist, wird vom Hersteller Syngenta heftig bestritten. Der Agrochemiekonzern erreichte auf gerichtlichem Weg, dass das Bundesamt für Landwirtschaft einen entsprechenden Hinweis bis zum definitiven Bundesgerichtsentscheid in dieser Sache von seiner Webseite entfernen musste.

Trotz Chlorothalonil-Verbot ist das Problem für die Trinkwasserversorgung noch nicht gelöst. Denn die Abbaustoffe des Pflanzenschutzmittels – sogenannte Metaboliten – belasten das Grundwasser noch während Jahren weiter. Laut Bundesvorschriften dürfen solch «relevante» Stoffe den Wert von 0,1 Mikrogramm pro Liter Trinkwasser nicht überschreiten. Doch genau dies ist in Zonen intensiver Landwirtschaft im Schweizer Mittelland der Fall, zum Beispiel im Kanton Solothurn: «In den Talebenen werden die Höchstwerte in fast allen Wasserfassungen überschritten, in einzelnen Fällen bis zum zwanzigfachen Wert», konstatiert Martin Würsten. Der frühere Chef des Solothurner Umweltamtes engagiert sich seit seiner Pensionierung für die Interessengemeinschaft «4aqua». Darin haben sich Dutzende Wasser- und Umweltfachleute zusammengeschlossen, um dem Wasser «eine faktenbasierte politische Stimme» zu geben.

Eine Million Einwohner betroffen

Diese Stimme wurde aus Würstens Sicht in den letzten Jahrzehnten zu wenig gehört.

«Während man bei der Abwasserreinigung riesige Fortschritte erzielt hat, hat sich die hohe Belastung der Gewässer durch die Landwirtschaft in den letzten 20 Jahren kaum verbessert.»

Martin Würsten

Ehemaliger Chef des Solothurner Umweltamtes

Würsten stört sich auch daran, dass noch längst nicht alle auf die Felder gebrachten Pestizide so detailliert untersucht wurden wie jüngst Chlorothalonil. Denn: «Was heute für die Gesundheit noch nicht als relevant gilt, wird es morgen sein.» Die Fachleute von «4aqua» verlangen deshalb unter anderem mehr Transparenz und Kontrolle bei der Zulassung von synthetischen Pestiziden. Aktuell sind in der Schweiz rund 370 Wirkstoffe im Gebrauch.

Im Mittelland werden derzeit rund eine Millionen Menschen mit pestizidbelastetem Trinkwasser versorgt, das den Anforderungen des Lebensmittelrechtes nicht genügt. Die Behörden haben den Trinkwasser-Versorgern eine Frist von zwei Jahren eingeräumt, um die ChlorothalonilRückstände unter den erlaubten Höchstwert zu senken. Reduzieren lassen sich die Werte beispielsweise durch Verdünnung, also die Beimischung von unbelastetem Wasser. Ein Wasserverbund im Berner Seeland will die Rückstände mit dem Einbau eines neuartigen Filters beseitigen. Das löst das gravierende Problem aus Sicht von Martin Würsten nur teilweise. Denn dadurch rücke man vom Prinzip ab, dass das Grundwasser in der Schweiz nicht aufwändig aufbereitet werden soll.

Zwei Initiativen an der Urne

Würsten und seine Mitstreiter von «4aqua» unterstützen deshalb die Anliegen der Trinkwasserinitiative, über die am 13. Juni abgestimmt wird. Das von einem parteilosen Bürgerkomitee eingereichte Volksbegehren verlangt, dass künftig nur diejenigen Landwirte staatliche Subventionen erhalten, die auf den Einsatz von Pestiziden, aber auch die Verabreichung von Antibiotika in der Tierhaltung verzichten. Gleichzeitig zur Abstimmung kommt im Juni die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide». Sie will den Einsatz solcher Pestizide in der Schweiz gänzlich verbieten. Das Verbot gälte auch für den Import von Lebensmitteln, die mit Hilfe von synthetischen Pflanzenschutzmitteln hergestellt wurden.

Dem Bauernverband gehen die beiden Initiativen viel zu weit. Dadurch würde die einheimische und regionale Produktion erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht, argumentieren die Initiativgegner. Müsste die Landwirtschaft komplett auf Pestizide verzichten, hätte dies einen Produktionsrückgang von mindestens 30 Prozent zur Folge. Der Bauernverband warnt gar davor, dass künftig Kartoffeln, Raps oder Zuckerrüben in der Schweiz kaum mehr angebaut werden könnten. Nicht alle Landwirte teilen diese Befürchtungen: So stellt sich Bio Suisse, der Dachverband der Schweizer Bioproduzenten, hinter die Pestizid-Initiative, weil sie den Grundwerten biologischen Landbaus entspricht. Skeptischer beurteilt Bio Suisse die Trinkwasser-Initiative: Verlangt wird nämlich auch, dass Bauern nur noch so viele Tiere halten dürfen, wie sie mit selber produzierten Futtermitteln ernähren können. Das könnte für kleinere Biobetriebe zum Problem werden.

Der Bundesrat und die Mehrheit des Parlamentes empfehlen dem Stimmvolk beide Initiativen abzulehnen. Aus ihrer Sicht schaden die Initiativen der Landwirtschaft und gefährden die Ernährungssicherheit in der Schweiz. Punkto Pestizide versprach die Regierung Verbesserungen im Rahmen der Agrarpolitik ab 2022. Doch der Ständerat legte das Agrarpaket auf Eis, zeigte sich hingegen bereit, mit moderaten Massnahmen für einen besseren Schutz des Grundwassers zu sorgen. Damit will das Parlament den Initiativen im emotional geführten Abstimmungskampf den Wind aus den Segeln nehmen. Ohnehin wird der Urnengang vom 13. Juni zum Plebiszit über die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft – über die Debatte rund um sauberes Trinkwasser hinaus.

Trinkwasser-Initiative: www.initiative-sauberes-trinkwasser.ch

Pestizid-Initiative: www.lebenstattgift.ch

Nein-Kampagne gegen beide Initiativen:
www.extreme-agrarinitiativen-nein.ch

Unser tägliches Wasser

142 Liter Trinkwasser. So viel verbraucht jede Einwohnerin und jeder Einwohner der Schweiz jeden Tag im eigenen Haushalt – mehr als die Hälfte davon fürs Duschen, Baden und die Toilettenspülung. Der gesamte Wasserverbrauch pro Kopf – inklusive Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe – geht in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurück – von 500 Litern pro Person und Tag in den 1970er-Jahren auf heute rund 300 Liter. Grund dafür sind nebst wassersparenden Techniken im Haushalt auch die Verlegung von Produktionsstätten der Industrie ins Ausland. Die Schweizer Wasserversorger fördern pro Jahr rund eine Milliarde Kubikmeter Wasser.
 

Der Wasserschmecker

Für Kenner wie Werner Koch ist Wasser weit mehr als ein Durstlöscher. Der 57-jährige Gerontologe ist einer der ersten «Wasser-Sommeliers» der Schweiz.

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