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Natallia Hersche

30.09.2021 – MARC LETTAU

Gefängnis Nr. 4, Gomel, Weissrussland: Dort sitzt die 51-jährige St. Gallerin Natallia Hersche ein, nachdem sie Ende 2020 wegen «gewaltsamen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte» verurteilt worden war. Ihr Vergehen: Sie leistete an einer Demonstration von Frauen in Minsk «Widerstand gegen die Festnahme». Sie zog dabei einem Polizisten die sein Gesicht verbergende Sturmhaube vom Kopf – und das Textil wurde dabei «im Bereich des Augenschlitzes leicht beschädigt». Viele, die gegen Staatschef Alexander Lukaschenko protestieren, sind ihrer Freiheit beraubt. Aber warum verliess Natallia Hersche das angenehme Einfamilienhausmilieu in Bodenseenähe, um in Minsk zu demonstrieren? Der schweizerisch-weissrussischen Doppelbürgerin kam das Vorbild Schweiz in die Quere: Sie lebe in einer Demokratie, die den Menschen das Recht auf freie Meinungsäusserung und friedliche Versammlung garantiere. Solches erhoffe sie sich auch für das Land ihrer Herkunft. Für Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja ist sie wegen solchen Aussagen «ein Symbol unserer Revolution». Der Schweizer Botschafter in Minsk, Claude Altermatt, setzt sich engagiert für Natallia Hersche ein. Für die Schweizer Diplomatie ist der Grat aber schmal: Die Schweiz hatte die Botschaft erst 2020 eröffnet, unter anderem mit dem erklärten Ziel, die Wirtschaftsbeziehungen zu dem von Lukaschenko eisern geführten Staat zu vertiefen. Natallia Hersche hingegen ist jedes Abwägen fremd. Sie hätte im April ein erstes Begnadigungsgesuch an Staatschef Lukaschenko richten können. Sie tat es nicht: «Ich werde dieses Regime um nichts bitten.» Welchen Preis sie für diese Beharrlichkeit bezahlt, wissen wir nicht.

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