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  • Literaturserie

Luisa Famos | Honduras und Venezuela auf Rätoromanisch

09.04.2021 – CHARLES LINSMAYER

Luisa Famos fand nicht nur für ihre Engadiner Heimat, sondern auch für die Menschen Südamerikas Worte und Bilder von berührender Beseeltheit.

«Trais randulinas / Battan lur alas / Vi dal tschêl d’instà // Minchatant tremblan / Trais sumbrivas / Sülla fatschad’ alba / Da ma chà.» Das ist ein rätoromanisches Gedicht, heisst «Lügl a Ramosch» («Juli in Ramosch») und lautet auf Deutsch: «Drei Schwalben / schlagen ihre Flügel / gegen den Sommerhimmel // Drei Schatten / zittern manchmal / über die weisse Wand / meines Hauses.»

In eben diesem Ramosch, einem Dorf zuhinterst im Engadin, wurde Luisa Famos, die Verfasserin der Verse, 1930 geboren. Und obwohl sie den für Mädchen damals attraktivsten Berufsweg wählte und nach dem Diplom am Seminar Chur Lehrerin in Sertig bei Davos und in Guarda bei Scuol wurde, hatten sich die Bilder, die sie als Kind in Ramosch empfangen hatte, unauslöschlich in ihre Seele geprägt. Als sie 1959, als Literaturstudentin in Paris, zu schreiben begann, erkannte sie schon bald, dass sie die Felder, die Tannen, die Blumen und die Schwalben des Engadins nur in ihrer eigenen Sprache, dem Ladin, zu evozieren vermochte.

Getragen von einer natürlichen Frömmigkeit, sehnsüchtig nach Liebe und Zärtlichkeit, wusste sie, ohne je rührselig zu werden, mit ihrem genuinen Sprachtalent dem Bild einer Wolke, dem Läuten der Kirchenglocken, dem Blick zu den Sternen eine leuchtende, lange nachwirkende Intensität abzugewinnen. 1960, sie war inzwischen in die Schweiz heimgekehrt und unterrichtete an einer Schule im Kanton Zürich, erschien, nach ersten Veröffentlichungen im «Chalender Ladin», im Selbstverlag ihr Gedichtband «Mumaints» («Momente») und fand weit herum Zustimmung. Eine Bündner Heimatdichterin aber wollte sie nicht sein, ja sie liess sich 1962 sogar beim damals modernsten Medium, dem Fernsehen, engagieren und moderierte die erste rätoromanische TV-Sendung «Il balcun tort».

1969 aber zog sie, inzwischen mit dem Ingenieur Jürg Pünter verheiratet und zweifache Mutter, mit Ehemann und Kindern nach Honduras und 1971 weiter nach Venezuela. Während den drei Jahren in Lateinamerika zeigte sich, dass sich die Möglichkeiten dieser Dichterin keineswegs mit dem Schauplatz Graubünden erschöpften, sondern dass sich ihr Rätoromanisch durchaus auch eignete, die Landschaft und die Menschen Südamerikas zu spiegeln, ja dass es ihr sogar möglich war, aus der exklusiven Domäne der kolonialen weissen Oberschicht auszubrechen und auf bewegende Weise die Not der Indios darzustellen.

So bleibt einem im Gedicht «Pitschna indiana» / «Kleine Indianerin» das Bild des Indiomädchens, das vor der Wellblechhütte von einem Lastwagen überfahren wird, so dass das rote Band, das es im Haar trug, neben seine braune Hand zu liegen kommt, wie eine stumme Anklage im Gedächtnis haften. «Pitschna indiana / cul bindè cotschen / Dasper teis man brün» («Kleine Indianerin / mit dem roten Band / neben deiner braunen Haut») endet das Gedicht, und es ist erstaunlich, wie da die Sprache des Engadiner Dorfs Ramosch, genau so wie auch in den Versen der Dichterin über die Engadiner Landschaft, mühelos ein weltliterarisches Niveau erreicht.

Früh schon hatte Luisa Famos auch den Tod in ihre Bilderwelt mit einbezogen, und am ergreifendsten geschah dies im Gedicht «L’Ala de la mort» / «Der Flügel des Todes», das sie 1972 nach der Rückkehr in die Schweiz schrieb und das mit dem Vers endet: «Davo ais gnüda la not / Sainza gnir s-chür / Stailas han cumanzà lur gir / E Tü o Dieu / Am d’eirast sten dastrusch» («Dann kam die Nacht / ohne Ankündigung / Sterne traten auf ihre Bahn / Und Du o Gott / warst mir sehr nah.»). Verse, mit denen sich eine Dichterin von ihrer Leserschaft verabschiedete, die der Nachwelt für immer als schöne junge Frau in Erinnerung bleiben wird, denn bevor sie im Band «Inscunters» (Begegnungen) erschienen, war Luisa Famos am 28. Juni 1974 mit 43 Jahren einem heimtückischen Krebsleiden erlegen.

Charles Linsmayer ist Literaturwissenschaftler und Journalist in Zürich.

D’ingionder ch’eu vegn (Woher ich komme)
Ingio ch’eu giarà (wohin ich gehe)
Chi’m sa dir (wer kann es mir sagen)

Sch’eu sun (Ob ich bin)
Sch’eu sun stat (ob ich war)
Sch’eu sarà (ob ich sein werde)
Chi’m sa dir (wer kann es mir sagen)

Porta’m vent (Trage mich Wind)
Sün ti’ ala (auf deinem Flügel)
Bütta’m flüm (wirf mich Fluss)
A la riva (auf das Ufer)

Bibliografie: Rätoromanisch mit deutscher Übersetzung von Anna Kurth und Jürg Amann sind Luisa Famos‘ Gedichte im Band «Unterwegs/Viadi» im Limmat-Verlag, Zürich, greifbar

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