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Urs Faes | «Die Literatur wetteifert nicht mit der Geschichte»

09.12.2021 – CHARLES LINSMAYER

Urs Faes betreibt in seinen Romanen Archäologie der Erinnerung.

In seinem Roman «Alphabet des Abschieds» (1991) findet sich ein Satz, der für den 1947 in Aarau geborenen Schriftsteller Urs Faes kennzeichnend ist: «Das Vergangene umgraben im Erzählen, als gäbe es die Archäologie der Erinnerung.» Dieses intensive Ausloten des Erlebten und Erfahrenen praktizierte er zunächst in Büchern, in denen seine Familiengeschichte dem Historischen persönliche Authentizität vermittelte: in «Augenblicke im Paradies» (1994), wo die auf den elterlichen Kramladen fokussierte Zuckerbäckerphilosophie der Geschichte von 1914 bis 1950 eine frugal-sinnliche Note gab. So hiess es nach dem Ende des Dritten Reiches amerikanischen Kaugummi statt deutsche Karamellen zu produzieren, denn: «Diese Generation hatte mit Trümmern, Scherben und Toten geendet. Weh dem Bonbon, das daran erinnerte, finis Germaniae, finis Caramellum, finis sucrum.»

Kunst, Musik, Medizin

Schon mit «Ombra» (1997) aber hatte Faes gezeigt, dass es ihm auch ohne Familiengeschichte gelingt, Figuren in ihrer Erinnerung lebendig werden zu lassen. Wobei die da evozierte künstlerische Welt von Piero della Francescas «ombra e luce» durchaus auch die literarische meinen könnte. «Als hätte die Stille Türen» (2005) stellte die Liebe zwischen Alban Berg und Hanna Fuchs derjenigen zwischen einem Sterbeforscher und einer Sängerin gegenüber. «Wörter sind wie Türen, aus der Stille, in die Stille, sie schaffen Weite, in der wir uns bewegen können, schaffen Raum», heisst es einmal. Ist es da die Musik, so ist es in «Paarbildung» (2010) die Medizin, die das Literarische erweitert, indem der Titel ebenso onkologisch wie als Hinweis auf eine bewegende, die Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs von 1968 in den Fokus rückende Liebesbeziehung gemeint ist. «Halt auf Verlangen» (2016) betrieb dann aus der Erfahrung einer Krebstherapie heraus nochmals autobiografische Erinnerungs-Archäologie anhand einer ganzen Reihe von wiedererinnerten glücklichen und weniger glücklichen Liebesverbindungen, während «Sommer in Brandenburg» (2014) und der auf bewegende Weise mit Sprache und Demenz befasste Roman «Untertags» (2020) Lebensgeschichten bündelten, die auf geheimnisvolle Weise mit einem deutschen «Landwerk» zusammenhingen, in dem sich im Sommer 1938 jüdische Jugendliche auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiteten. Wer allerdings meint, die Fülle der Themen, Figuren und Schauplätze deute an, dass es Faes um eine Art literarische Aufarbeitung von Realität geht, dem hielt er schon 1994 entgegen: «Auch wenn der Bezug zur Wirklichkeit und zur Geschichte in meinen Büchern immer gegeben ist, ist es gewiss nicht mein Ziel, Wirklichkeit abzubilden, sondern, bestenfalls, etwas sichtbar zu machen, denn die Literatur wetteifert nicht mit der Geschichte, zeigt kein Abbild der Wirklichkeit, sondern allenfalls deren Illusion.»

Ein novellistisches Meisterwerk

Mit dem schmalen, 2018 erschienenen Band «Raunächte» hat Urs Faes im Übrigen auch gezeigt, dass er gleichsam nebenbei die grosse Tradition der deutschen Novelle fortzuführen gewillt ist. Da geht ein Mann durch einen verschneiten Wald und ist von dunklen Erinnerungen belastet, für die Wörter wie Streit, Fluch, Verrat stehen und die ein dunkles Geheimnis evozieren, das den Wanderer seinerzeit aus seiner Kinderheimat vertrieben hat. In diesem dichten, sprachlich meisterhaften Text stimmt nicht nur die Symbolik, sondern auch der Ton, die Atmosphäre und der Rhythmus, während das bereits von Shakespeare in «Was ihr wollt» beschriebene Motiv der Raunächte der Geschichte eine geheimnisvolle, fast magische Tiefe vermittelt.

Charles Linsmayer ist Literaturwissenschaftler und Journalist in Zürich.

«Still beobachten David und Simone einen Reiher, der unendlich langsam durch das Wasser flussaufwärts stapft. Sachte setzt er Bein vor Bein in den sandigen Grund, den Kopf leicht vorgeneigt, manchmal bleibt er für Sekunden stehen, es scheint, als erfasse ihn die Strömung. Dann, mit grosser Kraftanstrengung von neuem ansetzend, geht er weiter, trotz dem Ziehen des Flusses. Winzig klein sind seine Schritte. Sie beide verharren am Ufer, reglos, und beobachten mit angehaltenem Atem diesen Gang. In diesem Augenblick ist ihr Gesicht dem seinen ganz nah.»

(Aus «Als hätte die Stille Türen», Roman, Suhrkamp-Verlag 2005)

Die Werke von Urs Faes sind bei Suhrkamp greifbar.

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