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  • Wirtschaft

Die geheimen Golddepots der Banken in den Alpen

02.10.2026 – Christof Forster

Eine neue ETH-Recherche zeigt, wo Schweizer Banken im Zweiten Weltkrieg ihr Gold versteckten. Und wie dies dazu beigetragen hat, den Ruf der Schweiz als sicheren Finanzplatz zu prägen. Auch James Bond spielte dabei eine Rolle.

Die Alpen als sicherer Ort: Nach dem Krieg vermarkteten Banken dieses Bild, sagt der Architekturhistoriker Ludo Groen. Foto ZVG/ETH, Michel Büchel

Geschichte kann sehr anschaulich erzählt werden. Das zeigt Ludo Groen in seinem auf Englisch publizierten Buch «Mountains of Gold». Es ist das Resultat von fünf Jahren Forschung an der ETH Zürich. Mit vielen Details beschreibt der Autor die nächtlichen Goldtransporte vom Bunker der Nationalbank (SNB) unter dem Bundesplatz in Bern ins Fort Bühl der Schweizer Armee bei Andermatt im Kanton Uri. Der Zug umfasste bis zu 20 Wagen und wurde von bewaffneten SNB-Mitarbeitern überwacht.

Auf Lastwagen wurden die Goldbarren zuerst nach Ostermundigen bei Bern transportiert und dort auf Güterzüge umgeladen, die via Luzern nach Göschenen fuhren. Anschliessend wurde die wertvolle Fracht abermals auf Lastwagen umgeladen, die sie die Schöllenenschlucht hinauf nach Andermatt brachten. Um möglichst präzise beschreiben zu können, recherchierte Groen sogar Wetterdaten bei Meteo Schweiz. Die Transporte erwiesen sich als sehr anspruchsvoll. Beim ersten Transport im April 1938 wurden die Mitarbeiter bei minus 11 Grad von einem heftigen Schneesturm überrascht und konnten die Festung nicht auf dem normalen Weg verlassen.

Golddepot in Bern war gefährdet

Während des Zweiten Weltkriegs war die Schweiz ein wichtiges Drehkreuz für den Goldhandel. Die SNB kaufte zwischen 1939 und 1945 Gold im damaligen Wert von 1,2 Milliarden Franken von Nazi-Deutschland. Darunter befand sich Gold von KZ-Opfern. Auch mit den Alliierten handelte die Schweiz Gold. Groen wirft einen neuen Blick auf die Geschichte des Goldes in der Schweiz. «Ich wollte als Architekt die Geschichte des Bankengolds anders untersuchen, als das bisher gemacht wurde», sagt er – nicht nur über Zahlen, sondern über Räume, Gebäude und Landschaften. Groen zeigt erstmals auf, wie in den 1930er- und 1940er-Jahren eine Infrastruktur des Bankenwesens im Alpenraum und damit ausserhalb der urbanen Zentren im Mittelland entstand. So stiess er auf die geheimen Golddepots in den Alpen.

Postkarte mit dem alten Fort Bühl im Gotthardmassiv, wohin die Nationalbank ab 1938 Goldreserven brachte. Foto ZVG/Bibliothek am Guisanplatz, Bern

Ausgangspunkt war die Sorge des für die Verteidigung Berns zuständigen Kommandanten, dass bei einem Luftangriff die Bundesstadt zerstört werden könnte und damit auch die Goldreserven der Schweiz, die zu grossen Teilen in Bern lagerten. Armee und Nationalbank prüften deshalb verschiedene Möglichkeiten, die Goldbestände in sichere Alpenstandorte zu verlegen. Als Vorbild diente auch Fort Knox in den USA, das 1936 eröffnet wurde und grosse Mengen des US-Goldes in einer stark befestigten Militäranlage lagerte.

Eines der ersten Golddepots wurde mitten im militärischen Réduit – den Verteidigungsanlagen in den Alpen, mit denen die Schweizer Armee potenzielle Angreifer abschrecken wollte – im besagten Fort Bühl direkt über dem Gotthard-Tunnel errichtet. Das war laut dem Autor logistisch sinnvoll, aber auch symbolisch: «Der Gotthard ist ein stark aufgeladener Ort der Schweizer Geschichte.» Gold wurde Teil der Landesverteidigung.

Kurz nach Ausbruch des Krieges störte sich General Henri Guisan daran, dass die SNB nur über ein Depot in den Alpen verfügte. Der Generalstab der Armee schlug daraufhin eines der Munitions-Depots in Interlaken im Berner Oberland vor, das kurzfristig für die Lagerung von Gold verfügbar gemacht werden könnte. Schliesslich wurde auch hier während des Krieges Gold gelagert. Und auch zu diesem Depot zeichnet der Autor die Transporte minutiös nach – beispielsweise mit Spesenabrechnungen, die genaue Details wie Kosten für Mittagessen inklusiv Trinkgeld enthielten.

Auch Kavernen im Eiger bei der Bahnstation Eismeer auf 3160 Metern Höhe wurden der Nationalbank als Goldversteck angeboten, aber aus Kostengründen verworfen. Foto ZVG/ETH-Bibliothek Zürich

Groen hat diese Belege abgeglichen – etwa mit dem Bericht der Bergier-Kommission, die die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersuchte, oder wirtschaftshistorischen Studien. Dabei zeigte sich: Die Transporte fallen zeitlich mit bekannten Goldlieferungen aus dem Ausland zusammen. So entsteht ein Muster: Gold kam in der Schweiz an und wurde kurz darauf in die Alpen weitertransportiert.

Strategische Kehrtwende der Schweiz

Im Laufe des Krieges änderte sich der Zweck der Golddepots. 1940 machte die Schweiz eine strategische Kehrtwende, wie Groen ausführt – weg von militärischer Verteidigung, hin zu wirtschaftlicher Kooperation. Fortan ermöglichten die Golddepots durch den Handel mit geraubtem Gold eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland. Die Depots in Interlaken und am Gotthard waren laut Groen nicht länger Evakuierungsorte, die von Bombern getarnt werden mussten. Vielmehr wurden sie zu effizienten logistischen Drehkreuzen.

Auch Geschäftsbanken wie die Schweizerische Kreditanstalt und die Schweizerische Bankgesellschaft planten, ihre Banknoten, Wertpapiere und Gold in die Alpen zu verlegen. Leere Grandhotels in Interlaken oder Gstaad sollten als Ausweichstandorte dienen. Laut Groen wurden Pläne zur Sanierung der in die Jahre gekommenen Hotels und zum Einbau von Tresorräumen im Keller vorbereitet, aber nie vollständig umgesetzt.

«Mountains of Gold» Ludo Groen. Gta-Verlag, 2026.

Das Buch endet nicht mit dem Krieg, sondern zeigt die globale Dimension des Goldhandels. Hinter dem Gold stehe eine Lieferkette, sagt Groen. In Südafrika werde deutlich, welche Folgen der Abbau von Gold gehabt habe: Umweltverschmutzung, gesundheitliche Schäden und Ausbeutung der Minenarbeiter, besonders unter dem Apartheid-Regime. Schweizer Banken hätten eine Rolle gespielt, indem sie Kredite für Minen vergeben hätten. Die Schweiz wurde zu einem zentralen Umschlagplatz für Gold aus Südafrika.

Alpen als symbolischer Schutzraum

Groens These führt damit über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Er argumentiert, dass das Bild der Alpen als sicherer Ort im Kontext der Landesverteidigung entstand. Nach dem Krieg sei es von den Banken übernommen worden, um Sicherheit zu vermarkten: die Alpen als symbolischer Schutzraum, der Vertrauen und Sicherheit ausstrahlt. Illustriert wird dies mit einem Werbeplakat der Credit Suisse aus dem Jahr 1982, das ein Bild der schneebedeckten Schweizer Berge zeigt. Die beiden in den 60er-Jahren in der Schweiz gedrehten Bond-Filme «Goldfinger» und «Im Geheimdienst ihrer Majestät» hätten das Bild der Schweiz als sicherer Ort verstärkt. Groen: «Wie die Schweiz darin einem weltweiten Publikum präsentiert wurde, zeigt, wie wichtig die kulturelle Konstruktion des Alpenlandes war.»

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