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  • Gesellschaft

Bernard Rappaz sieht sich als Winkelried des Cannabis

30.09.2021 – STÉPHANE HERZOG

Der streitbare Walliser Hanfbauer Bernard Rappaz schaffte es am Ende selbst mit legalem Cannabis in die Schlagzeilen. Nach Zeiten des Ruhms und der Gefängnisstrafen hat sich der Rebell aber ins Dorf Isérables zurückgezogen. Die Pflanze, der er sein Leben widmete, erlebt derweil einen Aufschwung.

Bernard Rappaz? Vor wenigen Monaten tauchte der Name plötzlich wieder auf: In einem Genfer Spezialgeschäft für CBD-Hanf – also für Hanf ohne Rauschwirkung – hielt der Geschäftsführer eine Lobrede auf seine pflanzliche Ware aus Schweizer Bioproduktion. Und er erwähnte den berühmtberüchtigten Walliser Hanfbauern Bernard Rappaz als Teilnaber des Unternehmens. Doch die vertiefende Recherche zeigte: Der Abstecher des – je nach Sichtweise – grössten Hanfpioniers oder grössten Hanfdealers der Schweiz in die Genfer Geschäftswelt blieb von kurzer Dauer: «Ich habe das Unternehmen verlassen», erklärt Bernard Rappaz. Er wolle nicht mehr, dass sein Name im Zusammenhang mit dem Geschäft erwähnt werde.

Dabei erfährt Cannabis in der Schweiz gerade einen erneuten Aufschwung. Die Produktion läuft dank der Legalisierung von CBD-Hanf auf Hochtouren. Zwischen 2008 und 2020 ist die Anbaufläche der Kulturpflanze laut dem Schweizer Bauernverband von 6 auf 320 Hektar angewachsen. Und ironischerweise prüft die Schweiz derzeit die Abgabe von – berauschendem – Marihuana, was auch den Anbau der verbotenen Canabissorten erneut ankurbeln dürfte.

Doch nun zu Rappaz’ Abenteuer: Das ist das Wort, das wohl am besten auf den Walliser Bauernsohn passt, der in den 1990er-Jahren vom Aprikosen- auf den Cannabisanbau umsattelte. Quer durch seine Biografie ziehen sich Schlagzeilen, Verhaftungen, Gefängnisstrafen, Prozesse und Rekurse. Das Leben des Aktivisten für Cannabis Sativa wurde zum wilden Ritt. «Rappaz? Er ist ein grossartiger Agitator», sagt der Walliser Soziologe Gabriel Bender und erwähnt, wie dieser als Gefängnisinsasse protestierte, weil es im Knast nicht genug Früchte zu essen gab. «Uns wurde die Freiheit entzogen, nicht das Dessert», monierte Rappaz damals.

«Rappaz ist Raucher und Ausräucherer», sagt Bender, der als Spezialist für Lokalgeschichte den Bernard Rappaz-Epos mit der sehr speziellen Geschichte der Walliser Gemeinde Saxon erklärt. Ab den 1960er-Jahren wurde die Gemeinde von einem politischen Klüngel regiert, der gegen den Zustrom von Landwirtschaftsprodukten aus Italien kämpfte, aber auch die Umweltverschmutzung durch Fluor zu verantworten hatte und den Bau von Wasserkraftwerken in der Rhone vorantrieb. In den 1970er-Jahren kamen Hippies ins ländliche Saxon, das damals dringend Erntehelfer suchte. Das damals gegründete Festival de Sapinhaut vereinte Hippies, Antimilitaristen und Kirchengegner, «kurz alles, was das konservative Wallis in Rage versetzte», sagt Bender. In diesem Umfeld wuchs Bernard Rappaz auf.

Der Rückzug nach Isérables

Heute lebt Rappaz, der sagt, Cannabis liege in der Mitte zwischen Kaffee und Zigarette, in einer Zweizimmerwohnung im abgelegenen Dorf Isérables. Die AHV-Rente bildet seine Lebensgrundlage. Sein Zuhause bietet freie Sicht auf die Ebenen, auf denen er Anfang der 1990er-Jahre mit dem Hanfanbau begonnen hatte. «Je mehr THC es enthielt, desto besser», gibt Rappaz zu.

Statt Geranien zieht Bernard Rappaz auf seinem Balkon selbstverständlich Cannabis. Foto Stéphane Herzog

Auf seinem Balkon zieht er weiterhin Cannabis: «Die Nachbarn sind aber höflich und sagen mir, ich hätte schöne Geranien.» Als er 2016 nach Isérables zog, erhielt er zunächst Besuch vom Gemeindepräsidenten, der ihn belehrte, er habe sein Auto falsch parkiert. Dann kam der ebenfalls besorgte Pfarrer auf Visite. Aber die Skepsis hat sich gelegt. Der Ex-Häftling gilt seither als integriert. Was hält Rappaz von den heutigen Trends, also vom nicht berauschenden CBD-Hanf und den Marihuana-Abgabeversuchen? «Ich habe selbst versucht, Cannabis mit geringem THC-Gehalt anzubauen. Die Rentabilität war jedoch mittelmässig. Aber sicher könnte im Wallis ein kleiner Teil der Weinberge durch Cannabisfelder ersetzt werden.» Denn die Pflanze wachse schnell und ohne Pflanzenschutzmittel. Vom Indoor-Hanf-Anbau hält der umstrittene Pionier nichts. Dieser sei viel zu energiefressend. «Ich werde einen Brief an den Bund schreiben und fordern, dass für klinische Versuche nur Cannabis aus natürlicher Schweizer Produktion verwendet wird», ereifert sich Rappaz. Sucht hier einer schon wieder die mediale Aufmerksamkeit? «Für mich als Sympathisant des Buddhismus ist das Ego der ärgste Feind», lautet seine lapidare Antwort.

Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal in Handschellen: Bernard Rappaz vor dem Prozess in Sion im Jahr 2001. Archivbild Keystone

Zehn Jahre Haft

Wie hat er das Gefängnis erlebt? Rappaz: «Ich war mit 19 zum ersten Mal im Gefängnis, weil ich mich geweigert hatte, die Wehrpflichtersatzabgabe zu bezahlen. Insgesamt musste ich zehn Jahre einsitzen. Das Gefängnis macht Angst, da es etwas Unbekanntes ist. Ich habe mich jedoch daran gewöhnt.» In der Strafanstalt Crêtelongue im Rhonetal brachte er seinen Mitinsassen das Zurückschneiden von Obstbäumen bei. Und als Druckmittel benutzte er den Hungerstreik: «Mit 120 Tagen ohne Essen habe ich alle Rekorde gebrochen.» Was es auch zur Kenntnis zu nehmen gilt: In seiner Jugend beteiligte sich Rappaz an einem Banküberfall. Die Quittung: 42 Monate Haft.

Auf seinem Hof «l’Oasis» in Charrat spielte Rappaz mit dem Interpretationsspielraum des Gesetzes. Er verkaufte Hanf in Form von Duftkissen, Kräutertee, Öl und Fasern. 2006 wendete sich das Blatt. Der Walliser wurde vom Bezirksgericht Martigny wegen schwerer Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz, aber auch wegen einfacher Körperverletzung, Geldwäscherei, schwerer Verstösse gegen die Verkehrsregeln sowie gegen Sozialversicherungsgesetze zu einer Freiheitsstrafe von mehr als fünf Jahren verurteilt. Zwischen 1997 und 2001, so zitierte «Le Nouvelliste» die Staatsanwaltschaft, habe der «grösste Cannabishändler der Schweiz» einen «kolossalen» Betäubungsmittelhandel aufgebaut und illegal fünf Millionen Franken umgesetzt. Rappaz verfügte ausserdem über einen «gigantischen» Vorrat von 52 Tonnen Hanf, was einem Marktwert von 35 Millionen Franken entsprach. Die Strafe wurde im Berufungsverfahren bestätigt.

«Ich habe mein Leben der Verteidigung einer Pflanze gewidmet, die aus falschen Gründen verboten ist. Ich wollte ihre vielseitige Verwendung als Industrie-, Therapie- und Genussmittel testen und demonstrieren.»

Bernard Rappaz

Eine harte Strafe

Der ehemalige Militärdienstverweigerer akzeptiert die Begründungen der Justiz nicht und bereut nichts: «Ich habe mein Leben der Verteidigung einer Pflanze gewidmet, die aus falschen Gründen verboten ist. Ich wollte ihre vielseitige Verwendung als Industrie-, Therapie- und Genussmittel testen und demonstrieren.» Für seinen Anwalt Aba Neeman wollte die Walliser Justiz Rappaz loswerden, «indem sie eine lange Haftstrafe aussprach, denn jedes Mal, wenn er aus dem Gefängnis entlassen wurde, nahm er seine Arbeit mit dem Cannabis gleich wieder auf.» Zwar gab es damals Anzeichen einer Cannabis-Liberalisierung, «aber die Richter wandten das Recht an und folgten nicht politischen Überlegungen». Für jemanden, der von sich sagt, er sei von Gandhi inspiriert worden, erstaunt die Anklage wegen Körperverletzung. Rappaz hatte während einer Reise in Laos einem kleinen Mädchen Ohrfeigen gegeben. Dies bestätigt auch sein Anwalt, der weiter meint: «Er ist nicht käuflich, sondern ein Idealist. Er hatte die ganze Zeit über Schulden und war in Geschäftsdingen nachlässig.»

Was für Soziologe Gabriel Bender unter dem Strich bleibt: «Rappaz erhielt für den Cannabishandel jahrelange Gefängnisstrafen, während der Walliser Weinproduzent Dominique Giroud für Steuerhinterziehung nicht ein einziges Jahr absitzen musste. Es ist ein archaisches System. Um den Weintrinker zu heiligen, muss der Hanfraucher geopfert werden.» Und ein Genfer Journalist, der den Mann aus Saxon interviewte, erinnert sich an einen sehr auf sich selbst bezogenen Charakter. «Rappaz war isoliert», meint er. Rappaz’ Entgegnung: «Ich bin vorangegangen, etwa so wie Winkelried.»

Der Bund testet die Cannabisabgabe

In der Schweiz sind seit diesem Jahr vom Bund überwachte «Pilotversuche mit kontrollierter Abgabe von Cannabis zu Genusszwecken» erlaubt. Der Entscheid dazu fiel 2020 gegen den Widerstand von Mitgliedern der SVP und der CVP: «Cannabis ist gesundheitsschädlicher als Tabak und die Zahl der Abhängigen steigt ständig», sagte damals der Zuger Ständerat Peter Hegglin (Mitte). Öffentliche Körperschaften werden sich an der unter der Schirmherrschaft des Bundesamts für Gesundheit erfolgenden Cannabisabgabe beteiligen. So wurde etwa die Universität Genf beauftragt, ab 2022 Versuche durchzuführen: Untersucht wird, welches die Auswirkungen eines kontrollierten Zugangs zu Cannabis auf die physische, psychische und soziale Gesundheit der Konsumenten sind. Dafür werden tonnenweise THC-haltiges – also berauschendes – Cannabis benötigt. Der Bund fasst dafür Schweizer Produkte, «wenn möglich» bio, ins Auge.

(SH)

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