2024 spielt sich in einer ehemaligen Apotheke in Lausanne, die zu einem Tonstudio umgebaut wurde, einen Monat lang immer wieder eine ähnliche Szene ab: Hinter Instrumenten, die aus allerlei Krimskrams – darunter auch Koffer – zusammengebaut wurden, sitzt Louis Jucker und bietet Besuchenden eine «Konsultation» an. Er beschreibt es heute als Austausch mit Menschen im Alter von 8 bis 88 Jahren über verschiedene Fragen des Lebens. Alle «Patientinnen und Patienten» gingen mit einer eigenen Platte unter dem Arm nach Hause. Eine weitere Kopie wurde Teil einer Jukebox, die im Rahmen einer Installation in zwei Galerien in Nyon und Biel ausgestellt wird. Dort können Besuchende die Titel hören und sich ein synchronisiertes VHS-Video in Schwarz-Weiss anschauen, in dem Jucker singt. Das ist – kurz zusammengefasst – der Inhalt des verrückten, künstlerischen und einfühlsamen Projekts «A Pharmacy of Songs», das im November 2025 veröffentlicht wurde.
Musik als Heilmittel
In dieser Arbeit stecken alle Lieblingszutaten des Musikers aus La Chaux-de-Fonds (NE). Die erst in Lausanne und dann in Freiburg angebotenen «Seelenkonsultationen» flossen in 50 Musikstücke und ebenso viele «pharmazeutische Beipackzettel» ein, die aus den 50 Gesprächen hervorgingen. Die Titel können auf der Website von Jucker angehört und gekauft werden. Auch ein 200-seitiges Buch ist aus dieser Initiative entstanden. Das Werk umfasst alle an diesen Orten verfassten «Beipackzettel» und beschreibt die vorgeschlagenen «Heilmittel», wobei alles nach den jeweiligen Beschwerden, den betroffenen Körperteilen und der empfohlenen Dosierung geordnet ist. Das musikalische und literarische Werk bietet Zugang zu den Liedertexten. Die Musikstücke wurden jedoch nicht auf Streaming-Seiten wie Spotify veröffentlicht. «Ich wollte nicht, dass sie in einer von Algorithmen vorgeschlagenen Auswahl auftauchen. Das entspricht nicht der DNA dieses Projekts», erklärt der facettenreiche Schöpfer des Werks, der sich für alles «Handgemachte» begeistert.
«Dein Körper ist ein Wunder, deine Seele ist ein Geschenk, deine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Keine Scham, keine Schuldgefühle, kein Schmerz – du verdienst nur das Beste.»
Auszug aus dem Song «Undaunted»
Eine «Konsultation» für einen frei wählbaren Betrag
Auf der Website des Musikers werden Besuchende dazu aufgefordert, ein Stück nach dem Zufallsprinzip auszusuchen, indem sie eine Zahl und einen Buchstaben auswählen. Wir landen bei «Undaunted» (A2). Das vom Patienten beschriebene Leiden? Eine toxische Beziehung, die sich seiner Meinung nach auf seine Lunge auswirkt. Der Text des vom Musiker vorgeschlagenen Heilmittels lautet: «Dein Körper ist ein Wunder, deine Seele ist ein Geschenk, deine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Keine Scham, keine Schuldgefühle, kein Schmerz – du verdienst nur das Beste.» Der Titel ist aus einem echten Austausch hervorgegangen. Das Lied ist gut, garantiert aber keinen Erfolg. «Manchmal verbrachte ich eine Stunde damit, der Person zuzuhören, und bis zu sechs Stunden damit, die Platte zu komponieren, aufzunehmen, abzumischen und zu pressen», berichtet der Künstler. Die Konsultationen fanden unter der Woche nach einem genauen Zeitplan statt. Für jede «Patientin» und jeden «Patienten» gab es eine Karte, die maschinell ausgefüllt und zur Bestätigung abgestempelt wurde. Bei der Abholung ihres Dossiers mit dem musikalischen Rezept wurde jede Person gebeten, für die Konsultation einen Betrag ihrer Wahl zu bezahlen.
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