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Louis Jucker | Eine «Musikapotheke» zur Heilung der Seele

24.04.2026 – Stéphane Herzog

Der Musiker Louis Jucker aus La Chaux-de-Fonds hat in einer ehemaligen Apotheke in Lausanne ein Tonstudio eingerichtet. Inspiriert durch den Austausch mit anderen Menschen komponierte er 50 Popsongs, aus denen eine Platte und ein Buch entstanden.

Louis Jucker schreibt in seiner «Apotheke» poetische Popsongs und arbeitet mit Kunstschaffenden aus verschiedenen Bereichen zusammen. Foto Michael Hartwell

2024 spielt sich in einer ehemaligen Apotheke in Lau​sanne, die zu einem Tonstudio umgebaut wurde, einen Monat lang immer wieder eine ähnliche Szene ab: Hinter Instrumenten, die aus allerlei Krimskrams – darunter auch Koffer – zusammengebaut wurden, sitzt Louis Jucker und bietet Besuchenden eine «Konsultation» an. Er beschreibt es heute als Austausch mit Menschen im Alter von 8 bis 88 Jahren über verschiedene Fragen des Lebens. Alle «Patientinnen und Patienten» gingen mit einer eigenen Platte unter dem Arm nach Hause. Eine weitere Kopie wurde Teil einer Jukebox, die im Rahmen einer Installation in zwei Galerien in Nyon und Biel ausgestellt wird. Dort können Besuchende die Titel hören und sich ein synchronisiertes VHS-Video in Schwarz-Weiss anschauen, in dem Jucker singt. Das ist – kurz zusammengefasst – der Inhalt des verrückten, künstlerischen und einfühlsamen Projekts «A Pharmacy of Songs», das im November 2025 veröffentlicht wurde.

Musik als Heilmittel

In dieser Arbeit stecken alle Lieblingszutaten des Musikers aus La Chaux-de-Fonds (NE). Die erst in Lausanne und dann in Freiburg angebotenen «Seelenkonsultationen» flossen in 50 Musikstücke und ebenso viele «pharmazeutische Beipackzettel» ein, die aus den 50 Gesprächen hervorgingen. Die Titel können auf der Website von Jucker angehört und gekauft werden. Auch ein 200-seitiges Buch ist aus dieser Initiative entstanden. Das Werk umfasst alle an diesen Orten verfassten «Beipackzettel» und beschreibt die vorgeschlagenen «Heilmittel», wobei alles nach den jeweiligen Beschwerden, den betroffenen Körperteilen und der empfohlenen Dosierung geordnet ist. Das musikalische und literarische Werk bietet Zugang zu den Liedertexten. Die Musikstücke wurden jedoch nicht auf Streaming-Seiten wie Spotify veröffentlicht. «Ich wollte nicht, dass sie in einer von Algorithmen vorgeschlagenen Auswahl auftauchen. Das entspricht nicht der DNA dieses Projekts», erklärt der facettenreiche Schöpfer des Werks, der sich für alles «Handgemachte» begeistert.

«Dein Körper ist ein Wunder, deine Seele ist ein Geschenk, deine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Keine Scham, keine Schuldgefühle, kein Schmerz – du verdienst nur das Beste.»

Auszug aus dem Song «Undaunted»

Eine «Konsultation» für einen frei wählbaren Betrag

Auf der Website des Musikers werden Besuchende dazu aufgefordert, ein Stück nach dem Zufallsprinzip auszusuchen, indem sie eine Zahl und einen Buchstaben auswählen. Wir landen bei «Undaunted» (A2). Das vom Patienten beschriebene Leiden? Eine toxische Beziehung, die sich seiner Meinung nach auf seine Lunge auswirkt. Der Text des vom Musiker vorgeschlagenen Heilmittels lautet: «Dein Körper ist ein Wunder, deine Seele ist ein Geschenk, deine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Keine Scham, keine Schuldgefühle, kein Schmerz – du verdienst nur das Beste.» Der Titel ist aus einem echten Austausch hervorgegangen. Das Lied ist gut, garantiert aber keinen Erfolg. «Manchmal verbrachte ich eine Stunde damit, der Person zuzuhören, und bis zu sechs Stunden damit, die Platte zu komponieren, aufzunehmen, abzumischen und zu pressen», berichtet der Künstler. Die Konsultationen fanden unter der Woche nach einem genauen Zeitplan statt. Für jede «Patientin» und jeden «Patienten» gab es eine Karte, die maschinell ausgefüllt und zur Bestätigung abgestempelt wurde. Bei der Abholung ihres Dossiers mit dem musikalischen Rezept wurde jede Person gebeten, für die Konsultation einen Betrag ihrer Wahl zu bezahlen.

Der Musiker Louis Jucker verleiht der menschlichen Seele mit allen seinen Instrumenten Ausdruck. Foto Michael Hartwell

Eine Phobie vor dem Fortschritt

Louis Jucker gehört zu einer Gruppe von Kunstschaffenden, die eine Vorliebe für DIY (Do It Yourself) und analoge Maschinen haben. All dies gehört zum Universum des «Lo-Fi», zu dessen Markenzeichen die Schallplatte zählt. «Ich habe eine richtige Phobie vor dem Fortschritt, der alles bisher Erreichte auslöscht, und auch vor allem Kommerziellen, bei dem sich hauptsächlich das Neue gut verkauft», fasst der Sänger und Gitarrist seine Einstellung zusammen. Er selbst versucht, jedes Gerät bis zum Letzten zu nutzen. Zu seinen Inspirationsquellen gehört der amerikanische Musiker Daniel Johnston, der seinen Hörerinnen und Hörern Kassetten mit seinen Songs schickte.

Sprössling einer Puppenspielerin

Louis Jucker wurde 1987 als Sohn eines musikbegeisterten Lehrers und einer Puppenspielerin geboren. Er begann seine musikalische Ausbildung am Konservatorium, wo er Cello studierte. Dann nahm er ein Architekturstudium in Lausanne auf und zog später nach Berlin, um sich der Musik zu widmen. Mit seinen 39 Jahren ist der Musiker nun bereits bei seinem zwölften Album angelangt. Ein Projekt folgt dem anderen, ohne dass die wirtschaftlichen Aspekte mehr Raum einnehmen als unbedingt notwendig. «Ich bezahle meine Miete und werde reich, indem ich die Projekte meiner Träume verwirkliche», sagt er. Jucker lebt in einer Wohngemeinschaft oberhalb von Neuenburg, einer Stadt mit günstigen Mieten. «Dadurch haben lokale Kunstschaffende mehr Zeit für gemeinnützige kulturelle Aktivitäten», erklärt er. «Wenn ich eine Phase voller Zweifel durchmache, kommt immer jemand mit einem Angebot auf mich zu. Es ist ein bisschen wie die Fruchtfolge im Brachland», scherzt der Künstler.

«Sie haben dir dein Haus gestohlen, aber deine Seele werden sie niemals bekommen.»

Auszug aus dem Song «Higher Loans»


Louis Jucker, «A Pharmacy of Songs» (Humus Records/Editions Ripopée), 2025

Vier Lieder aus der Jukebox von Louis Jucker
A2 Undaunted 
(Unerschrocken)
G8 What You Know Is You Don't Know 
(Das Einzige, was du weisst, ist, dass du nichts weisst)
J0 Justice Be Forgiven 
(Der Gerechtigkeit sei vergeben)
C7 Higher Loans 
(Höhere Kredite)

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