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  • Literaturserie

Iris von Roten | «Ein einziger Schrei nach Gerechtigkeit»

04.02.2022 – CHARLES LINSMAYER

Mit «Frauen im Laufgitter» gab die Juristin Iris von Roten dem Kampf der Schweizer Frauen um Gleichberechtigung 1959 eine ganz neue und am Ende erfolgreiche Richtung.

«Ich wollte alles, was das Herz begehrte: wilde Abenteuer, lockende Fernen, tolle Kraftproben, Unabhängigkeit, Freiheit, das schäumende Leben schlechthin», schilderte die in Basel tätige Rechtsanwältin Iris von Roten 1979 in einem Interview, von was sie als junges Mädchen geträumt hatte. Am 2. April 1917 in Basel geboren, begehrte sie schon als Gymnasiastin in Zürich gegen weibliche Rollenmuster auf, studierte Jurisprudenz, um sich ein unabhängiges Leben zu sichern, arbeitete dann aber als Journalistin, denn sie war sich sicher: «Das Schreiben eines guten Artikels ist mir wichtiger als zu schlafen und zu essen.» Ein Blaustrumpf war die elegante junge Frau allerdings nicht, und als sie dem um ein Jahr älteren Walliser Juristen und angehenden Politiker Peter von Roten begegnete, begann eine Liebesgeschichte, die in ihren Höhen und Tiefen zum Faszinierendsten gehört, was das 20. Jahrhundert an Beispielen für ein explosives Mit- und Gegeneinander von Mann und Frau aufzuweisen hat. Obwohl die Verbindung beiden völlige Freiheit liess, bekehrte Iris von Roten ihren Mann zu ihrer radikal-offenen Spielart von Feminismus, und er war es denn auch, der sie wie niemand anderer förderte und unterstützte, als sie 1948 in den USA jenes Buch zu schreiben begann, das in einem grossartigen Wurf sowohl juristisch-politisch als auch sinnlich-körperlich die volle Gleichstellung der Frau forderte und 1958 unter dem witzig-kämpferischen Titel «Frauen im Laufgitter» erschien. «Das Buch ist ein Meisterwerk. Man spürt einfach in allem den Hunger und den Durst nach Gerechtigkeit. Es ist ein einziger Schrei nach Gerechtigkeit», hatte Peter von Roten schon früh erkannt, aber für die Schweiz, und nicht zuletzt auch für die mutlose damalige Frauenbewegung, kam das Buch fünfzig Jahre zu früh und löste neben wenigen anerkennenden Reaktionen – etwa jener von Laure Wyss – lauter Verrisse und böse Beschimpfungen aus.

Die Erfahrung war für Iris von Roten traumatisch, geknickt aber war sie nicht. Sie veröffentlichte 1959 noch ein «Frauenrechtsbrevier» und wandte sich dann definitiv vom Thema Frauenemanzipation ab. Sie reiste im eigenen Auto in die Türkei, nach Nordafrika und Südfrankreich und publizierte 1965 unter dem Titel «Vom Bosporus zum Euphrat. Türken und Türkei» ein Reisetagebuch darüber, später flog sie, bis der Massentourismus sie beelendete, nach Brasilien, Sri Lanka und in andere Länder. Schliesslich wandte sie sich der Malerei zu und beschloss, 100 Blumenbilder zu malen, von denen sie am Ende 56 fertigstellte, war die Frau, die wie keine andere für die Gleichstellung der Schweizer Frau gekämpft hatte, doch auch eine kompromisslose Ästhetin, die sich eingestand: «Wie Durst und Hunger habe ich jeden Tag ein unsägliches Bedürfnis nach Schönheit.»

Am 11. September 1990, ein halbes Jahr, bevor «Frauen im Laufgitter» neu herauskam und zum Bestseller wurde, nahm Iris von Roten sich, von Krankheiten zermürbt und von Schlaflosigkeit terrorisiert, das Leben. Es war der letzte radikale Ausdruck jener Selbständigkeit, für die sie ein Leben lang eingetreten war, und in einem Abschiedsschreiben erklärte sie: «Wie ein Gast wissen muss, wann es Zeit ist zu gehen, so sollte man sich auch rechtzeitig vom Tisch des Lebens erheben.»

Längst ist Iris von Roten, deren Feminismus nichts Sektiererisches an sich hatte, zu einem Idol der Schweizer Frauenbewegung geworden. 2007 erfuhren sie und ihr Mann auf wundervolle Weise Gerechtigkeit in Wilfried Meichtrys Buch «Verliebte Feinde», dessen Verfilmung dem Paar 2012 neue Aufmerksamkeit schenkte, und 2021 legte Camille Logoz unter dem Titel «Femmes sous surveillance» auch eine französische Ausgabe von «Frauen im Laufgitter» vor.

Bibliografie: Iris von Roten, «Frauen im Laufgitter», eFeF-Verlag, 2014.

Charles Linsmayer ist Literaturwissenschaftler und Journalist in Zürich.

«Die politische Gleichberechtigung der Frau ist gegen die Vorrechte und insofern gegen die Interessen der Männer, wenn man unter Interessen Selbstbehauptung und persönliche Entfaltung auf Kosten anderer versteht. In einem höheren Sinne ist die volle Demokratie allerdings auch im Interesse der Männer. Es widerspricht zwar seiner Selbstbehauptung, wenn er zur Abwechslung zuhören muss. Aber es tut ihm auch gut, wie man so sagt. Denn das Zuhörenmüssen stutzt sein wucherndes Ich auf umgänglichere Formen zurück, wodurch er sympathischer wird.».

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