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Daniel Koch

22.07.2020 – Susanne Wenger

Jede Krise bringt ihre Figuren hervor. In der Schweiz war es ein gewisser Daniel Koch. Bevor das Corona-Virus das Land heimsuchte, kannte kaum jemand den Chefbeamten im Bundesamt für Gesundheit. Dort war er seit Jahren für übertragbare Krankheiten zuständig. Nun aber begleitete Koch die Schweizerinnen und Schweizer fast täglich durch die Epidemie. Zehntausende verfolgten am Fernsehen und auf Youtube die Medienkonferenzen der Landesregierung, an denen der kahlköpfige Mediziner stets präsent war. Wenn er das Wort erhielt, erläuterte er ruhig die Fakten. Komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge stellte er verständlich dar. Geduldig beantwortete er aufgeregte Journalistenfragen, ab und zu blitzte trockener Humor auf. Der bedächtige Ton und die bescheidene Art kamen in der Bevölkerung gut an. Koch wurde zum Angstlöser, zur Vertrauensperson, ja zur Kultfigur. Aus Porträts erfuhr man, dass er einst als Arzt in Kriegsgebieten tätig war. Dass er als Hobby durchs Gelände joggt, gezogen von seinen zwei Hunden – die Schweiz weiss jetzt, was Canicross ist. Vereinzelte Fehleinschätzungen verzieh ihm das Publikum. Schon fast stur bezweifelte er die Wirksamkeit von Gesichtsmasken, doch das hörten die freien Schweizer noch so gerne. Ende Mai, als das Land aus dem Gröbsten raus war, ging «Mister Corona» in Rente. Einen Monat später als geplant. Sein politischer Vorgesetzter, Gesundheitsminister Alain Berset, verabschiedete ihn öffentlich mit warmen Worten. In den sozialen Medien, wo sonst Groll und Häme vorherrschen, dankten die Leute dem 65-Jährigen für seinen Einsatz. Bereits plant ein Verlag ein Buchprojekt über den Staatsdiener, es soll im Spätsommer erscheinen.

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