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  • Literaturserie

Charles Linsmayer | Eine Chance für die Schweizer Literatur

01.07.2022 – BEAT MAZENAUER

Charles Linsmayer wurde 2017 vom Bundesamt für Kultur für sein Wirken als Literaturvermittler ausgezeichnet. Ein jüngst erschienenes Lesebuch zeigt eindrücklich, wofür er diese Auszeichnung erhalten hat.

Charles Linsmayer ist der Sachwalter der Schweizer Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Bei ihm sind literarische Werke gut aufgehoben, die längst aus dem Literaturbetrieb verschwunden sind. «Den Büchern eine zweite Chance geben» betitelte er 1999 eine Ausstellung, in der er einen Überblick über seine editorische Tätigkeit präsentierte. In seiner 40-jährigen Arbeit als Literaturvermittler und Herausgeber hat Charles Linsmayer einer Vielzahl von vergessenen Autorinnen und Autoren eine zweite Chance gegeben, damit sie von Leserinnen und Lesern neu entdeckt werden können.

Charles Linsmayer: «Cécile Ines Loos, Cilette Ofaire oder Orlando Spreng haben keine Lobby, da sehe ich mich als ihr Anwalt oder nachgeborener Bruder.»

Diese archivarische Tätigkeit ist indessen nur ein Teil seines Wirkens. Als Literaturredaktor für den Berner «Bund» (1992–2002) und als freier Literaturkritiker verfasst Linsmayer, unter anderem auch für die «Schweizer Revue», seit Jahren Buchkritiken und Autorenporträts, in denen er seine profunde Belesenheit beweist. Vielleicht mehr noch als diese beiden Tätigkeiten liegt ihm aber der direkte, lebhafte Austausch mit Autorinnen und Autoren am Herzen. 2011 eröffnete er im Restaurant Europa in Zürich die Gesprächsreihe «Bei Charles Linsmayer zu Gast im Europa», im Folgejahr lud er erstmals zu den «Hottinger Literaturgesprächen» mit Schweizer Literaturschaffenden ein. In diesen Gesprächen ist es ihm gelungen, wie er einmal geäussert hat, «den jahrzehntelangen kritischen, aber distanzierten Umgang mit der aktuellen Schweizer Literatur in lauter persönliche Begegnungen münden zu lassen, aus denen viele Freundschaften entstanden sind».

Charles Linsmayer (Hrsg.): 20/21 Synchron. Lesebuch zur Schweizer Literatur der mehrsprachigen Schweiz von 1920 bis 2020. Th. Gut Verlag, Zürich, 2022. 574 Seiten, CHF 39.

Dieses breit gefächerte Engagement für die Schweizer Literatur findet nun in dem umfangreichen Lesebuch «20/21 Synchron» seinen Widerhall. Charles Linsmayer, der Herausgeber und Spiritus rector, bekräftigt im Nachwort die ihn immer wieder beglückende Begegnung mit der Literatur, sei es als Bücherleser, sei es im Gespräch über Bücher. Auf 570 Seiten gelingt ihm der Spagat zwischen Literaturgeschichte und Gegenwartsliteratur, zwischen den Aufgaben als Chronist, Vermittler und Förderer. Unter seiner Regie ist eine vielstimmige Galerie des Schweizer Literaturschaffens der letzten hundert Jahre entstanden. 135 Autorinnen und Autoren werden mit einem Kurzporträt und einem Originaltext vorgestellt. Der Reigen reicht von Melinda Nadj Abonji bis zu Matthias Zschokke, von Meinrad Inglin bis Meral Kureyshi, von der Appenzellerin Dorothee Elmiger bis zu Alberto Nessi aus Mendrisio und der viele Jahre in Südfrankreich lebenden Neuenburgerin Cilette Ofaire. Die letzten zwei Namen sind wichtig zu erwähnen. Charles Linsmayer hat immer wieder Brücken in die Romandie, ins Tessin und ins Rätoromanische geschlagen und hier literarische Trouvaillen wie Luisa Famos oder Orlando Spreng zutage gefördert. Auch dieser Aspekt wird durch «Synchron 20/21» mustergültig abgedeckt.

Seine Aufgabe als Literaturvermittler erfüllt Charles Linsmayer mit Leidenschaft und einem feinen Gespür für seine Leserschaft. Akademische Abgehobenheit hat ihm schon immer ferngelegen. Er tritt nie als Beckmesser und Besserwisser auf, sondern als behutsamer Leser und kluger Interpret. Seine Werkausgaben, Porträts, Kritiken und Gespräche wollen, dass die literarischen Texte und Bücher gelesen und geschätzt werden. Der umfangreiche Leseband «20/21 Synchron» repräsentiert in dem Sinn perfekt den Literaturliebhaber und -förderer Linsmayer.

Die «Schweizer Revue» verlost drei Exemplare des Buches. Teilnahme an der Verlosung per Mail mit Betreff «Synchron». Über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt.

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