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Zwischen Selbstbewusstsein und Partnerschaft

Was die jüngsten Spannungen über die Schweiz und die USA – und ihre lange Geschichte – sagen. Ein Meinungsbeitrag des ASO-Vize-Präsidenten David W. Mörker aus Minneapolis.

Die jüngsten Aussagen von US-Präsident Donald Trump, wonach die Schweiz vom «Wohlwollen» der USA profitiere und ein Telefonat mit der damaligen Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter, das ihn zur Erhöhung von Zöllen bewogen habe, riefen auch unter Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern Fragen hervor.

Was bedeuten solche Spannungen für die bilateralen Beziehungen? Und wie ordnet man sie historisch ein?

Gemeinsame republikanische Tradition

Die Verbindungen zwischen der Schweiz und den Vereinigten Staaten reichen weit zurück. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert fanden politische Ideen beider Länder wechselseitig Beachtung. Die Schweizer Bundesverfassung von 1848 übernahm zentrale Elemente des amerikanischen Modells – insbesondere die föderale Struktur und die Gewaltenteilung.

Beide Staaten verstehen sich als Republiken mit starker Bürgerbeteiligung. Während in den USA der Präsident eine mächtige Exekutive verkörpert, funktioniert die Schweiz als Kollegialregierung mit jährlich wechselndem Präsidium. Diese Unterschiede prägen auch die politische Kommunikation und den Stil.

Auswanderung und kulturelle Nähe

Für viele Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer sind die USA nicht nur ein Handelspartner, sondern Heimat. Im 19. Jahrhundert wanderten Zehntausende Schweizerinnen und Schweizer nach Nordamerika aus. Orte wie New Glarus in Wisconsin zeugen bis heute von diesem Erbe.

Die schweizerisch-amerikanische Gemeinschaft ist lebendig – getragen von Vereinen, kulturellen Veranstaltungen und wirtschaftlichen Netzwerken. Sie bildet eine wichtige Brücke zwischen beiden Ländern.

Wirtschaftliche Verflechtung

Die Schweiz gehört zu den bedeutenden ausländischen Investorinnen in den USA. Schweizer Unternehmen beschäftigen dort Hunderttausende Mitarbeitende. Konzerne wie Roche und Novartis investieren Milliarden in Forschung und Produktion vor Ort.

Das von amerikanischer Seite betonte Handelsdefizit – zuletzt mit rund 40 Milliarden US-Dollar beziffert – bezieht sich vor allem auf Warenexporte, insbesondere aus dem Pharmasektor. Gleichzeitig fliessen erhebliche Investitionen und Dienstleistungen in die Gegenrichtung.

Für eine exportorientierte Volkswirtschaft wie die Schweiz bleibt der amerikanische Markt zentral. Umgekehrt profitieren viele US-Bundesstaaten von Schweizer Direktinvestitionen.

Neutralität und diplomatische Rolle

Die Schweiz vertritt amerikanische Interessen in mehreren Ländern, in denen die USA keine eigene diplomatische Präsenz unterhalten. Diese Mandate sind Ausdruck gegenseitigen Vertrauens und unterstreichen die besondere Rolle der Schweiz als neutrales Land.

Auch in multilateralen Foren – etwa am World Economic Forum – treffen sich Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus beiden Staaten regelmässig zum Austausch.

Ein Verhältnis mit Substanz

Politische Spannungen sind kein neues Phänomen in internationalen Beziehungen. Die Geschichte zwischen der Schweiz und den USA zeigt jedoch eine bemerkenswerte Kontinuität. Gemeinsame demokratische Werte, wirtschaftliche Interdependenz und persönliche Verbindungen bilden ein solides Fundament.

Für die rund 85'000 Schweizerinnen und Schweizer in den USA – ebenso wie für die zahlreichen amerikanischen Bürgerinnen und Bürger mit Schweizer Wurzeln – bleibt diese Partnerschaft mehr als eine Frage von Zöllen. Sie ist Teil einer geteilten Geschichte und eines fortlaufenden Dialogs zwischen zwei föderalen Republiken.

 

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