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  • Editorial

Olympische Spielerei

01.04.2022

Die Schweizer Olympiasiegerinnen und -sieger haben wohl ihr in Peking erkämpftes Edelmetall inzwischen sicher versorgt. Sie peilen bereits wieder die Trainings für den nächsten Wettkampfwinter an. Gleichwohl erlauben wir uns noch den klitzekleinen olympischen Rückblick:

Marc Lettau, Chefredaktor

Anders als sonst üblich gratulierte in Peking nämlich kein Schweizer Regierungsmitglied den goldbehangenen Olympioniken. Weder Sportministerin Viola Amherd noch Bundespräsident Ignazio Cassis waren vor Ort. Das hat seine Geschichte. Die Landesregierung brütete bekanntlich lange über der delikaten Frage, ob sie eine politische Delegation an die Spiele entsenden soll oder nicht. Wir erinnern uns: Mehrere Staaten – etwa die USA, Grossbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland – hatten zuvor beschlossen, keine Regierungsvertreter nach Peking zu schicken.

Was also tun? Sich dem diplomatischen Boykott anschliessen, weil ja auch die offizielle Schweiz die chinesische Minderheiten- und Menschenrechtspolitik alles andere als hinnehmbar findet? Oder doch nach China reisen, um dem drittwichtigsten Handelspartner der Schweiz Respekt zu zollen?

Schliesslich liess die Schweizer Regierung an einem frostigen, nebligen Januartag wissen, sie werde nicht ins Land der Mitte reisen. Aber nicht aus Protest. Sondern weil sie angesichts der Pandemielage zuhause gebraucht werde und weil vor Ort eh keine Treffen möglich seien. Das war eher eine kühne Verrenkung als eine wirklich gute Erklärung.

Der kleine Blick zurück illustriert, wie delikat das Verhältnis zwischen Bern und Peking zuweilen ist. Zwar gehörte die Schweiz zu den allerersten westlichen Staaten, die – bereits 1950 – auf die Volksrepublik zugingen. Doch die Beziehung mit China blieb kompliziert und sie könnte noch komplizierter werden: Wie wir in unserem Schwerpunkt zeigen, ist der bewusst pragmatische Umgang der Schweiz mit China unter Druck. Sie kann sich immer schlechter hinter ihrer Neutralität verbergen – weil Nachbarn und Freunde der Schweiz gegenüber China immer deutlicher Klartext reden. Die Schweiz wird dadurch gedrängt, selber klarer Position zu beziehen. In dieser Lage allein zu betonen, Pragmatismus und Neutralität seien schliesslich keine Synonyme für Gleichgültigkeit und Opportunismus, genügt auf längere Sicht wohl nicht.

Haben wir ob all der Politik vergessen, die Namen der brillantesten Schweizer Olympioniken der vergangenen Spiele zu nennen? Sie finden diese – als goldenen Schlusspunkt – in den Nachrichten.

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