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  • Editorial

Kriegsschatten

23.01.2020 – Marc Lettau

Schweigen die Waffen, ist der Krieg noch lange nicht vorbei. Schmerz und Erschütterung wirken nach, werfen über Generationen hinweg ihre Schatten. Das erfährt gegenwärtig die neutrale Schweiz, weil in der Öffentlichkeit – endlich – ein konkreteres Bild der Schweizer Holocaust-Opfer entsteht.

Der Schweizer Pass nützte Hunderten von ihnen nichts. Sie wurden in Dachau, Auschwitz und anderen Orten des Schreckens eingesperrt. Einige überlebten. Viele nicht. Das ist zwar Geschichte, aber nicht Vergangenheit, denn bis heute sind diese Opfer in der offiziellen Schweizer Geschichtsschreibung eine Leerstelle. Sie waren bis anhin primär sperrige «Entschädigungsfälle».

Dank einem bemerkenswerten neuen Buch (Seite 6) rückt jetzt stärker als bisher die Frage in den Fokus, warum die Schweizer Opfer überhaupt zu Opfern wurden. Ohne Zweifel sind sie in allererster Linie Opfer, weil der Schrecken des Nazi-Regimes keine Grenzen kannte. Aber der Blick zurück fördert auch Beklemmendes über das Verhalten der Schweiz und ihrer Diplomatie zutage. Zwar gab es sie, die Schweizer Diplomaten, die sich beherzt für ihre Landsleute und für die Menschlichkeit an sich einsetzten. Verstörend sind aber jene Fälle, wo Betroffene ganz im Stich gelassen wurden. So war das Verhalten der diplomatischen Crew im Berlin der späten Weltkriegsjahre von anbiedernder, geräuschloser Zurückhaltung: Um das Reich nicht zu erzürnen, setzte sie sich nicht generell, sondern nur fallweise für Schweizer KZ-Häftlinge ein.

Diese Trennung in schutzwürdige und schutzunwürdige Schweizerinnen und Schweizer ist einer der dunklen Kriegsschatten, mit denen sich die Schweiz befassen muss. Schutzunwürdig und somit Schweizer 2. Klasse waren zuweilen Juden, «Zigeuner», Schwule, «Asoziale», Sozialisten und selbst Doppelbürger. Ihnen begegneten während und nach dem Krieg etliche mit dem unterschwelligen Vorwurf, sie seien zu einem rechten Teil selber schuld an ihrem Schicksal. Das heisst auch: Für die Beurteilung von Menschen wurde letztlich der Kriterienkatalog der Nazis übernommen.

Sich dieser Geschichte zu stellen, heisst, sich an die Kernfrage zu wagen: Stehen wir heute ganz woanders als damals? Konkreter: Erfahren Schweizer Jüdinnen und Juden heute weniger Anfeindung als damals? Sind die in der Schweiz verwurzelten Sinti, die damals als «Zigeuner» nicht mit Schutz rechnen durften, heute akzeptiert? Begegnet man Doppelbürgern inzwischen ohne Argwohn?

Das sind nicht Fragen für die Geschichtsschreibung, sondern für die Gegenwart.

Marc Lettau, Chefredaktor
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