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  • Reportage

Das luftigste Verkehrsnetz der Schweiz

05.08.2021 – JÜRG STEINER

In keinem anderen Kanton fahren so viele skurrile kleine Seilbahnen über klaffenden Abgründen wie im bergigen Uri. Einst unverzichtbar für die Erschliessung abgelegener Bergbauernhöfe, dienen sie heute auch dem sanften Tourismus.

Höher, weiter, schneller, schöner? Auf der Suche nach den etwas anderen Schweizer Rekorden. Heute: Auf Besuch in der Region mit der höchsten Seilbahndichte der Schweiz.

Das Eggenbergli ist eine kleine Landschaftsterrasse hoch oben an der steilen Schattenflanke des tief eingeschnittenen Schächentals, das vom Urner Hauptort Altdorf in die felsige Wildnis des Klausenpasses führt. Motorisiert ist das Eggenbergli höchstens von gewieften Bergbauern mit dem Geländemotorrad zu erreichen, aber mit dem Weiler Witterschwanden unten an der Klausenpassstrasse verbinden es zwei 1500 Meter lange Drahtseile. Sie sind wichtige Lebensadern, denn an ihnen schwebt ein Verkehrsmittel, das gleichzeitig historisch und innovativ ist.

Im Cockpit des «Niederberger Schifflis» müssen Passagiere sich selber kundig machen, wie die Seilbahn in Bewegung zu versetzen ist. Foto Jürg Steiner

Die zwei kleinen Seilbahnkabinen, Baujahr 1953 und grün gestrichen wie Wald und Wiesen, sehen aus wie liebevoll gepflegte Ausstellungsstücke aus dem Oldtimermuseum. Vier Personen können sich maximal auf die zwei Sitzbänke falten, das Gepäck kommt draussen auf eine Freiluftablage. Eine zweiarmige Aufhängung, dünn wie Spaghettiträger, verbindet die Kabine mit den vier Rollen auf dem Seil. Die Fahrt löst man als Passagier, mit Jetoneinwurf und Knopfdruck, selber aus. Wenn die Kabine strombetrieben aus der Bergstation auf die steile Talfahrt gleitet, kippt sie entschlossen nach vorn, so dass einem der Atem stockt. Allerdings nur kurz.

Dann schwebt man in einer Art aufgehängtem Döschwo, dem ZweiPferdestärken-Kultauto von Citroën, sanft über exponiertes Bauernland: Wiesen in oft schwindelerregender Schräglage, die wie hellgrüne Inseln im dunklen Bergwald leuchten, auf ihnen verstreute, in den Abhang gebaute Wohnhäuser, zwischen denen Landwirte mit Laubbläsern das getrocknete Heu zusammenstossen. Eine Strassenerschliessung gibt es nicht.

Scheinbar aus der Zeit gefallene Seilbahnen wie diejenige auf das Eggenbergli und die von den Urner Bergwirten geschaffene Kulturlandschaft hängen eng zusammen. Das eine wäre ohne das andere kaum denkbar. «Der Bau vieler Urner Kleinseilbahnen seit dem Zweiten Weltkrieg wurde vom kantonalen Meliorationsamt unterstützt», sagt der Historiker Romed Aschwanden. Er ist Geschäftsführer des Instituts «Kulturen der Alpen», einer Aussenstation der Universität Luzern in Altdorf, die sich auch mit der Urner Seilbahnkultur befasst. Und zwar ziemlich originell: Unter anderem sammelt der Musikwissenschaftler Michel Roth im Schächental Tonspuren schwingender Drahtseile. Er will die archivierten Klänge zu einer Komposition verdichten.

Draht zur Zivilisation

Historiker Aschwanden hingegen beschäftigt sich mehr mit der gesellschaftlich prägenden Funktion der Seilbahnen: Im Berggebiet von Uri führten kleine Seilbahnen zu einem ähnlichen Resultat wie klassische Melioriationen mit Entsumpfung und Gewässerkorrektion im Flachland. Sie vereinfachten die Bewirtschaftung von Landwirtschaftsland und steigerten dessen Erträge, weil sie den Draht zur Zivilisation herstellten. Als periphere Siedlungen per Seilbahn erschlossen waren, konnten die Kinder plötzlich problemlos die Schule besuchen, Vater oder Mutter leichter einem Zweiterwerb im Tal nachgehen.

Das «Niederberger Schiffli»

Weil das Urnerland aussergewöhnlich verwinkelt und steil ist, entstand ein einmalig dichtes Seilbahnnetz, zu dem heute offiziell noch 38 für Personentransporte konzessionierte Bahnen in allen Urner Kantonsteilen gehören. Spektakulär wie auf das Eggenbergli ist etwa die Fahrt in der offenen Kleinstkabine von Bristen im Maderanertal auf den Waldiberg oder von der Musenalp hinunter ins Chlital bei Isenthal.

Den Seilbahnboom einst entscheidend angetrieben hat der Nidwaldner Industriepionier Remigi Niederberger, eigentlich ein Schmied, der um die Jahrhundertwende das Potenzial von auf Drahtseilen geführten Schwebebahnen erkannte. Er und seine Söhne entwickelten, wie Historiker Aschwanden erklärt, im Eigenbau eine auf das raue Berggebiet perfekt abgestimmte Spezialkonstruktion: eine Kleinstkabine, auf das Notwendigste reduziert, trotzdem vor der Witterung schützend, deren kurzes Gehänge es erlaubte, Seilbahnen mit niedrigen Masten zu bauen. Die sogenannten «Niederberger Schiffli», wie sie auch auf das Eggenbergli fahren, sind heute ein historisches Industriekulturgut.

ÖV in der Vertikalen

In zwei Sektionen führt eine kleine Gondelbahn aus dem Schächental auf das Hochplateau Ruogig, das als Alp genutzt wird. Um die Mittel- wie um die Bergstation verstreuen sich weitläufig kleine Bauernhöfe, die sternförmig mit kleineren Materialseilbahnen an die Hauptachse angeschlossen sind. Milch und Heu werden so gesammelt und ins Tal geliefert, Güter des täglichen Bedarfs kapillar zu den Bauernfamilien verteilt. Man könnte von einem luftigen ÖV-Netz in der Vertikalen reden.

«Zur Urner Seilbahnkultur gehört nicht nur die Bahn an sich, sondern auch die filigrane Feinerschliessung der Streusiedlungen.»

Romed Aschwanden

Historiker

Wunder Punkt dieses Systems ist die mangelnde Wirtschaftlichkeit. «Die vielen Kleinbahnen mit niedrigen Frequenzen können kaum rentabel betrieben werden», bestätigt Toni Arnold, Geschäftsführer des Urner Seilbahnverbands. Ein zentraler Aspekt: die wachsenden Sicherheitsanforderungen. Auch wenn die Kleinbahnen auf den ersten Blick aussehen wie schlecht gewartete Provisorien, unterstehen sie laut Arnold dem gesetzlich festgelegten Prüfungsrhythmus. Jede Bahn werde einmal jährlich von der zuständigen Fachstelle einer technischen Kontrolle unterzogen, das Seil mit Spezialmethode geröntgt. Unfälle gab es in den letzten Jahrzehnten höchstens mit Materialseilbahnen, in die sich verbotenerweise Passagiere gesetzt hatten.

Konkurrenz der Strasse

Arnold hofft, dass der wachsende Outdoor-Tourismus den Urner Kleinseilbahnen etwas wirtschaftlichen Rückhalt gibt, zumal die meisten Kabinen etwa mit Installationen zum Transport von Mountainbikes versehen sind. Gleichzeitig verschweigt Arnold nicht, dass Strassenerschliessungen die historischen Kleinseilbahnen an mehreren Orten mittelfristig in Frage stellten. Obschon «die Strasse nicht in jeder Beziehung besser abschneidet als die Seilbahn», wie er anmerkt. Zwar sei ein Strassenzugang für Nutzerinnen und Nutzer bequemer und unkomplizierter. Aber: Bei Eisglätte im Winter sei die Seilbahn klar im Vorteil. Und: Mit ihrer beschränkten Kapazität bilde sie eine Barriere gegen den Massenandrang und garantiere einen sanften, ökologischen Tourismus, der heute gefragt sei. Eine besondere touristische Nische erschliessen die Kleinseilbahnen im Winter, weil sie Tourenskifahrer in unpräparierte Hänge transportieren, wenn weiter oben das Lawinenrisiko ist.

Landwirt Martin Gisler ist kein Tourist, aber von einer Strasse will er trotzdem nichts wissen. Er verantwortet den Betrieb der Seilbahn von Witterschwanden aufs Eggenbergli, die als öffentliches Verkehrsmittel einen besonderen Service sicherstellt. Alle fünf Stützmasten dienen auch als Haltestellen, die man per Knopfdruck autonom ansteuern kann. Fünf Familien leben ganzjährig am Hang unter der Seilbahn, jede Haltestelle erschliesst ein Haus. Martin Gisler wohnt bei Masten fünf. Er schätzt die Bahn vor allem in schneereichen Wintern, wie er erzählt, wenn er allein mit der Räumung des Fusswegs zu seinem Hof den ganzen Tag beschäftigt wäre.

Jüngst diskutierte die Betriebsgenossenschaft eine Strassenerschliessung für die in die Jahre gekommene Bahn, aber sie kam wieder davon ab. Nicht nur wegen der Kosten. Ein Leben ohne Seilbahn kann man sich am Eggenbergli nicht vorstellen.

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