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  • Editorial

840 000 Tonnen Beton

04.02.2022

Die 1932 fertiggestellte Staumauer namens «Spitallamm» verriegelt in den Berner Alpen eine schmale Felsenkluft. Hinter ihr liegt der fünf Kilometer lange Grimselsee.

Marc Lettau, Chefredaktor

Inzwischen ist die Mauer ein in die Jahre gekommenes, 114 Meter hohes Denkmal aus 840 000 Tonnen Beton: ein Denkmal aus der Epoche, als die Schweiz ihren erwachenden Energiehunger stillte, indem sie vielerorts Gebirgsflüsse zu Seen staute und deren Wasser im Tal Turbinen auf Hochtouren bringen und Strom erzeugen liess. Heute steht die Staumauer am Grimselsee nicht so ungestört da, wie dies unser Titelblatt vermuten lässt. Unmittelbar vor der alten wird eine neue, schlankere Bogenmauer hochgezogen. Ist sie – wohl in drei Jahren – fertig gebaut, wird die alte Staumauer einfach überflutet. Dann wird sich das neue Bauwerk gegen den mächtigen Druck des Sees stemmen. Und der Grimselsee bleibt weitere Jahrzehnte verlässlicher Teil der Stromproduktion.

Allerdings bleiben in der Schweiz spektakuläre Wasserbauprojekte selten so unwidersprochen wie das eben geschilderte. Entstehen auf dem Reissbrett neue Talsperren oder wird erwogen, weitere frei fliessende Flüsse für die Stromerzeugung zu nutzen, ist heftige Opposition seitens des Natur- und Landschaftsschutzes gewiss.

Die über 90 Jahre alte Staumauer am Grimselsee im Berner Oberland. Foto: 13 Photo AG, Claudio Bader

Der Blick auf die Wasserkraftnutzung ist über die Jahre kritischer geworden. Anders als in den Pionierjahren stehen heute auch deren Kehrseiten im Fokus: Wer Dämme baut, greift in grossem Stil in die Natur ein, versenkt ganze Landschaften, entzieht den Flüssen Wasser, verändert die hydrologischen Begebenheiten. Unser aktueller Schwerpunkt zeigt: Genau deshalb sind in der Schweiz dem Ausbau der Wasserkraft Grenzen gesetzt.

Das ist von Belang, denn die Schweiz will vermehrt auf erneuerbare, CO2-freie Energie – Wasser, Wind und Sonne – setzen. Der Umbau ist aber geprägt von erheblichen Reibungen. Während die Schweiz viel Routine im Bau grosser Kraftwerke jeder Art hat, verläuft beispielsweise der Ausbau der dezentralen, kleinmassstäblichen Solarenergienutzung schleppend. Der Unterschied zwischen Wissen und Handeln ist da besonders gross. So haben zahlreiche Schweizer Gemeinden akkurat errechnet, wie viel Solarenergie auf die bereits bestehenden Dächer einstrahlt. Es ist oft mehr Energie, als die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Gemeinden brauchen können. Trotzdem darf man auch in diesen Gemeinden Neubauten hochziehen, ohne dass dabei Solarzellen aufs Dach kommen. Vor dem Hintergrund solcher Beispiele wird verständlicher, warum der Applaus für neue Staudämme in der Schweiz sehr lau geworden ist.

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