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  • Gesellschaft

Minderheiten sind näher am Ziel ihrer Träume

16.03.2017 – Marc Lettau

Die Schweiz, das Land der vier Sprachen und vier Kulturen: Diese gängige Formel ist ungenau. Doch seit neustem gelten auch die Jenischen und Sinti offiziell als sprachliche und kulturelle Schweizer Minderheiten. Zudem rücken die Roma in den Fokus.

Plötzlich perlten den gestandenen Männern Tränen über die Wangen und sie fielen sich in die Arme. Die sichtlich Gerührten waren Jenische und Sinti, die sich in Bern zu ihrem traditionellen Kulturanlass versammelt hatten. Als geladener Gast hielt Bundesrat Alain Berset die Begrüssungsansprache. Bereits seine ersten Worte lösten den emotionalen Ausbruch aus: «Liebe Jenische, liebe Sinti…».

Eine banale Begrüssung, möchte man meinen. Aber aus der Sicht der Jenischen und der Sinti war diese Episode vom 15. September 2016 der Durchbruch: Erstmals wurden sie von einem Regierungsmitglied nicht mehr mit dem unspezifischen Sammelbegriff «Fahrende» angesprochen. Berset: «Ich anerkenne die Forderung nach Selbstbezeichnung und werde mich dafür einsetzen, dass der Bund Sie künftig Jenische und Sinti nennt.» Kurz vor dem Jahreswechsel doppelte der Bundesrat nach und legte dar, wie er sich «die Förderung der Kultur von Jenischen, Sinti und Roma» vorstellt. So bruchstückhaft der vorgelegte Aktionsplan stellenweise auch war: Wesentliches geschah hier ebenfalls bereits mit der Wortwahl. Nebst den Jenischen und den Sinti addierte der Bundesrat fast beiläufig erstmals öffentlich die Roma zur schweizerischen kulturellen Vielfalt.

Wesen der Minderheit verkannt

Mit dem Schritt setzt die Schweiz ihre Bemühungen fort, der Benachteiligung von Minderheiten entgegenzuwirken. Sie selbst hat sich dazu verpflichtet, ratifizierte sie doch 1995 das Rahmenabkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten. Allerdings: Zwischen der Unterzeichnung eines Abkommens und der expliziten Anerkennung einer Minderheit liegen manchmal Welten – zumindest aus Sicht der Betroffenen. Noch im Frühling des vergangenen Jahres klagten die Wortführer der Jenischen und der Sinti, die Behörde verkenne das Wesen der facettenreichen Minderheit, wenn sie diese salopp als «Fahrende» katalogisiere. Die allermeisten seien sesshaft, was aber an ihrer Identität als Jenische oder Sinti nichts ändere. Inzwischen ist die «Radgenossenschaft der Landstrasse», die wichtigste Dachorganisation der teils fahrenden, grossteils aber sesshaften Minderheiten, des Lobes voll: Der Bundesrat habe einen überfälligen Schritt vollzogen.

Mit der Anerkennung der Minderheiten entkrampft sich das Verhältnis zwischen den staatlichen Autoritäten und den «Zigeunern», das über Jahrhunderte hinweg sehr spannungsreich war. Abgeschlossen ist der Prozess nicht. So erinnerte die Radgenossenschaft nach der bundesrätlichen Geste postwendend daran, dass eine nationale Minderheit auf Dauer nicht wirklich existiere, wenn sie im schweizerischen Schulstoff nirgends dargestellt werde. Solches ist auch der Bundesbehörde bewusst. Sie treibt mit ihren Mitteln den Anerkennungs- und Aussöhnungsprozess voran. Aussöhnung ist deshalb ein Thema, weil von 1926 bis in die 70er-Jahre viele Jenische und Sinti Opfer von Übergriffen staatlicher und sozialer Institutionen waren. So wurden zahlreiche Kinder ihren Familien entrissen und einzeln fremdplatziert. Das Argument für diese Politik: Die «Vaganten» seien von «vererbbarer Minderwertigkeit» geprägt, die es zu durchbrechen gelte.

Doch auch hier rückt die Bewältigung näher: Am 1. April wird das etwas sperrig getitelte «Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981» in Kraft treten. Es wird Zahlungen an die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen ermöglichen. 300 Millionen Franken werden dafür zur Verfügung stehen. Und die Zahl der Entschädigungsberechtigten verdeutlicht, welch tiefe Wunden über ein halbes Jahrhundert hinweg geschlagen wurden: Die Schätzungen schwanken zwischen 12 000 und 15 000 Entschädigungsberechtigten. Sie können bis zum 1. März 2018 ihre Gesuche für Entschädigungszahlungen einreichen.

Während die Vergangenheitsbewältigung aufgegleist ist, bleibt die vom Bund angestrebte «Verbesserung der Bedingungen für die fahrende Lebensweise» und die «Förderung der Kultur von Jenischen, Sinti und Roma» eine komplizierte Baustelle. Ein Beispiel: Statt mehr stehen heute den fahrenden Vertretern der Minderheiten deutlich weniger Plätze zur Verfügung als noch vor zehn Jahren. Statt des versprochenen Fortschritts ist dies bisher ein Rückschritt. Gerade dank der Debatte über fehlende Plätze ist die Anerkennung der Jenischen und der Sinti als schweizerische Minderheit allerdings eine von der Mehrheitsgesellschaft breit getragene. Für die schätzungsweise 80 000 in der Schweiz lebenden Roma ist die Lage und der weitere Weg dagegen deutlich unklarer. Sie sind zwar die grösste, aber zugleich unsichtbarste der drei Minderheiten. Die Mehrheitsgesellschaft hat weitgehend verdrängt, dass die Roma in der Schweiz auf eine bereits 600-jährige Geschichte zurückblicken. Historische Quellen belegen ihre Zuwanderung ab dem frühen 15. Jahrhundert.

Zum Beispiel Stephan Eicher

Die explizite Anerkennung der Jenischen, Sinti und Roma durch den Bundesrat wird übrigens in hübscher Zufälligkeit – perfekt zeitgerecht – von einem kulturellen Ereignis begleitet: Genau jetzt kommt der Dokumentarfilm «Unerhört Jenisch» von Karoline Arn und Martina Rieder in die Kinos. Einer der Hauptprotagonisten des Films ist der Sänger Stephan Eicher, der sowohl im deutschen wie frankophonen Sprachraum Konzertsäle füllt. Eicher spielt schon seit geraumer Zeit mit dem Bild des «Zigeuners», mit einer erahnten jenischen Vorgeschichte. Der Film ist nun eine Spurensuche hin zu seinen tatsächlich existierenden jenischen Wurzeln im Bündnerland. Dem Filmpublikum beschert dies eine verblüffende Erfahrung. Bis anhin wirkte Eichers Anlehnung an die französischen Gitanes und an den bosnischen Gypsie-Musiker Goran Bregoviè als ein etwas aufgesetztes Kokettieren mit dem Fremdartigen. Am Ziel der Suche wird aber klar: Eicher tut nicht nur so, er ist in dieser Welt durchaus daheim. Besonders für sesshafte Jenische und Sinti dürfte Eichers Lektion sonnenklar sein: Anerkennung der Wurzeln kann aus etwas Verheimlichtem, Verschämtem und Verstecktem über Nacht etwas Authentisches machen.

Marc Lettau ist Redaktor der Schweizer Revue

Ein Zehntel lebt im Wohnwagen

Jenische sind eine aus marginalisierten Schichten der frühen Neuzeit hervorgegangene Volksgruppe, die eigene Traditionen und eine eigene Sprache herausgebildet haben. Doch wie klingt heutiges Jenisch? Etwa so: «De Oberflotschergaaschi holcht em Fludi naa und linst, dass loori gflotschet wird – denn zum Flotschne biharchts e Fläppe. Wer loori Fläppe biharcht, wird gschräpft.» Übersetzt: «Der Fischereiaufseher geht den Fluss entlang und schaut, dass nicht gefischt wird – denn zum Fischen braucht es ein Patent. Wer kein Patent hat, wird bestraft.» Die Sinti wiederum sind ein Zweig der europäischen Roma. In der Schweiz sind Jenische und Sinti, im Welschland nennen sie sich Manouches, eng verflochten. Die Sinti sprechen eine besondere Varietät der indoarischen Sprache Romanes. Von den schätzungsweise 30 000 Jenischen und Sinti pflegt etwa ein Zehntel die fahrende Lebensweise.

Bild  Die langjährige  Forderung nach  Anerkennung als  nationale Minderheit trägt Früchte: Vertreter der Jenischen und Sinti vor dem Bundeshaus in Bern.  Foto Adrian Moser

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