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Leserbriefe

22.11.2018

Verdingkinder: Wiedergutmachung lässt die Narben nicht verschwinden

Ich bin froh, letztlich zu lesen, wie einige Kinder in der Schweiz behandelt wurden. Dass wir das bis 1980 gemacht haben, ist eine Schande. Meine Familiengeschichte geht auch darauf zurück. Meine Mutter heiratete im Jahr 1930 und bekam drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen. Anfang der 1940er-Jahre verstarb ihr Mann. Weil sie verwitwet war, nahmen ihr der Kanton oder Bund alle drei Kinder weg. Sie durfte sie nicht sehen. Meinen ältesten Halbbruder habe ich nur einmal und aus der Entfernung gesehen. Ich war 15, als ich meine Halbschwester das erste Mal traf. Als mein Bruder 20 und volljährig war, kam er zu uns und erzählte unserer Mutter, wie er von dem Bauern missbraucht wurde und dass er ihm im Kindesalter schon Apfelwein gab, was ihn abhängig machte. Ich bin froh, dass ich die Schweiz 1970 verlassen habe.

Marie Saladin-Davies, Emu Plains NSW, Australien

Mein Vater war ein «Verdingkind» und ich erinnere mich noch, wie ihm das gefallen hat. So sehr, dass er uns Kinder häufig mit zu der Bauernfamilie nahm, bei der er aufwuchs. Ich persönlich finde es unsinnig, so viel Geld auf Wiedergutmachung und wissenschaftliche Forschung zu verwenden. Damals waren die Dinge anders. Viele Kinder aus verarmten Elternhäusern, wie mein Vater, hatten zum ersten Mal drei ordentliche Mahlzeiten am Tag, ein Bett zum Schlafen, ein Dach über dem Kopf und konnten regelmässig zur Schule gehen. Klar, in unserem heutigen Wohlstand, in dem das grösste Problem nicht Hunger, sondern ein voll geladener Handyakku ist, haben die Leute keine Vorstellung davon, was es bedeutete, während der zwei Weltkriege in der Schweiz zu leben.

Othmar Vohringer, British Columbia, Kanada

Ich war auch einige Jahre als Verdingbub im Emmental und Rossemaison (JU) und in Merishausen (SH) statt zu Hause. Das kostete die Eltern nichts. Ich denke, das war der Hauptgrund. Es waren harte Zeiten Anfang zweites Schuljahr in HasleRüegsau! Morgens um 4 Uhr grasen oder Heu bereiten, den Stall machen, dann Frühstück mit Rösti im Gemeinschaftsteller. Anschliessend langer Schulweg Richtung Sumiswald. Mittags Feldarbeit, Kartoffelnentkeimen für die Schweine, abends Stallarbeiten – und abends zu zweit in ein Bett. An Weihnachten gabs zwei Franken und zwei Tage frei. Die eigenen Kinder der Bauernfamilie mussten nie arbeiten und spielten jeden Tag. Das war hart! Diese Zeit kann ich nicht vergessen oder verarbeiten. Viele Details lass ich lieber ruhen. Ich habe nicht mal die Kraft, mich als geschädigt anzumelden.

Markus Lüttin, Spanien

Es ist gut und recht, dass der Bund das Thema aufarbeitet, aber nun soll vor allem Anerkennung und Auszahlung vorangetrieben werden. Viele Betroffene sind alt und gesundheitlich angeschlagen und möchten die Auszahlung noch zu Lebzeiten erhalten. Mit der Fremdplatzierung dauerte das jeweils auch nicht so lange: Das ging oft sehr schnell und ohne Zeit zu verlieren. Wenn man bedenkt, dass die Behörden einem Kind damit das ganze Leben versaut haben, ist das nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Peter Mattle, Philippinen

Aus dem Artikel: «Hans Jörg Rüeggsegger, Präsident des grössten Bauernverbandes in Bern, nahm kürzlich zu Gäggelers Behauptung Stellung und gab an, keine Gehöfte zu kennen, die sich aufgrund der Vergangenheit stigmatisiert fühlten.» – Vielleicht wären die Bauern und der «grösste Bauernverband» nicht so leichtfertig gegenüber diesem entsetzlichen Teil der Geschichte, wenn die Namen der Bauernhöfe veröffentlicht würden, die im Grunde von Sklavenarbeit profitiert haben.

Walter Lienhard, USA

Vorbehalte gegen die steigende urbane Dichte in der Schweiz

Ich lebe seit 1974 nicht mehr in der Schweiz. Dieser Artikel verrät mir, dass es dort die gleichen Probleme mit der Besiedlungsdichte gibt wie hier in den USA. Es beunruhigt mich und tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, dass ein Land, das vormals reich an Grün, malerischen Landschaften und Schönheit war, heute gefährdet ist und dass es als «Problem» gilt, auf diesen Flächen keine Landwirtschaft betreiben zu können, weil es dort zu sogenanntem Urban Sprawl kommt. Es sollte kein «Problem» sein, sondern unerlässlich, dass Regierungsträger und Stadtentwickler versuchen, das zu bewahren, was die Schweiz so besonders macht. Die Bevölkerungsdichte in den Städten ist ein weltweites Problem, das irgendwann, wenn es nicht eingedämmt wird, überhandnehmen und die Lebensqualität beeinträchtigen wird. Das geschieht gerade überall. Ich kann nur hoffen, dass Geld nicht der ausschlaggebende Faktor für oder gegen die Schönheit und den Charakter der Städte und ihres Umlandes sein wird, sodass die Schweiz weise handeln kann, indem sie begrünt und verdichtet baut, ohne das zu zerstören, was nicht nur den Bürgern, sondern auch den Touristen der Schweiz am Herzen liegt.

Michèle Engel, USA

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