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Kein Interesse an Marignano

09.07.2015 – Barbara Engel

Die Geschichtsdebatte zu Marignano und um Wahrheiten und Mythen findet in der Romandie kaum Resonanz.

Die sonst sehr debattierfreudigen Westschweizer beteiligen sich nur marginal an den Diskussionen um die Bedeutung der geschichtlichen Ereignisse, die in diesem Jahr in der Schweiz gefeiert werden. Das hat einen einfachen Grund: 1515 mit Marignano ist kein Datum der Westschweizer Geschichte, die Schlacht spielte in der welschen Geschichtswissenschaft nie eine bedeutende Rolle. Das klassische Narrativ der Deutschschweiz interessiert die Romands wenig, denn sie waren damals nicht dabei: weder in den heroischen Gründungsjahren der Eidgenossenschaft, noch bei der Erweiterung zur achtörtigen Schweiz im 14. Jahrhundert und auch nicht bei der darauffolgenden Phase der Expansion mit der Eroberung des Aargaus und des Thurgaus. Auch der Aufstieg der Eidgenossenschaft zu einem europäischen Machtfaktor geschah, bevor die Romands «Schweizer» wurden.

Die 1388 entstandene achtörtige Eidgenossenschaft war ein durch und durch Deutschschweizer Gebilde. Die Ausdehnung der Eidgenossenschaft in die jetzige Romandie begann erst mit den Burgunderkriegen (1476 – 1481), die mit dem Beitritt von Solothurn und Freiburg zur Eidgenossenschaft endeten. Das zweisprachige Freiburg war das erste welsche Element im Bund. Doch genaugenommen entstand eine welsche Schweiz erst 1798 mit der Helvetischen Republik. Und erst 1848, bei der Gründung des Bundesstaates, wurden auch die Genfer, Waadtländer, Neuenburger, Welschfreiburger, Welschwalliser und die Jurassier zu Bürgern eines einzigen Staates. Man könnte also auch 1848 zum Gründungsjahr der Romandie erklären.

Im 19. Jahrhundert war die Romandie jedoch noch klar zweigeteilt: Es gab die Regionen mit liberaler und reformierter Tradition – Genf, Waadt, Neuenburg und der südliche Teil des Berner Juras – und jene mit mehrheitlich katholisch-konservativer Prägung – Freiburg, Wallis und Nordjura. Die ideologischen und konfessionellen Gegensätze waren weit wichtiger als das verbindende Element der Sprache.

Die Situation änderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die wachsende Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich spiegelte sich auch in Spannungen zwischen den Schweizer Sprachgruppen. Die Romands waren plötzlich nicht mehr nur Genfer, Waadtländer und Neuenburger, sie definierten sich als Angehörige einer Sprachregion. In jener Zeit tauchte auch erstmals der Begriff «Romandie» auf, als Ersatz für die herkömmlichen Begriffe «Suisse romande» oder «Welschland». Die sprachliche Neuschöpfung drückte zwar ein neues Zusammengehörigkeit gefühl aus, der Begriff habe in der welschen Schweiz jedoch bis heute «einen eher schlechten Ruf», schreibt Christophe Büchi, Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» in Lausanne. Offiziell verwendet wird der Begriff jedenfalls einzig im Namen des Velorennens «Tour de Romandie».

Barbara Engel ist Chefredaktorin der «Schweizer Revue»

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