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Wenn Kinder helfen, einen Künstler neu zu entdecken

05.08.2022 – EVA HIRSCHI

Kinder kuratieren Klee: Im Zentrum Paul Klee in Bern gestalteten erstmals Kinder eine Ausstellung über den berühmten Künstler. Das Pionierprojekt liefert neue Blicke auf sein Werk.

«Paul Klee kannte ich bereits», sagt Angelina stolz. «Meine Grossmutter hat ihn mir gezeigt. Sie malt auch; also sie ist keine richtige Künstlerin, aber so halb.» Die Neunjährige ist Teil eines Projektes des Zentrum Paul Klee in Bern, in welchem für einmal Kinder eine Ausstellung über den berühmten Berner Künstler konzipieren durften.

Während sieben Monaten trafen sich dort jeden Mittwochnachmittag rund ein Dutzend Kinder zwischen acht und zwölf Jahren zu Workshops. Sie befassten sich mit Farben, Formen, Gedichten, aber auch mit der Werkauswahl und der Ausstellungsarchitektur – und sie verfassten selber Texte. Gemeldet hatten sie sich – oder ihre Eltern – auf eine Anzeige des Museums.

«Das war eine sehr spannende Erfahrung», sagt Martin Waldmeier. Normalerweise arbeitet der Kurator allein, doch dieses Mal musste er von Anfang an im Team kollaborieren. Dabei hielt er sich bewusst zurück: Die Kinder durften bestimmen. «Wir mussten lediglich ein paar Grenzen aufzeigen, etwa, als sie eine Plattform in drei Metern Höhe wünschten, von welcher man die Ausstellung anschauen könne und wo es auch Getränkeautomaten und eine Gaming Lounge geben solle», sagt Waldmeier und lacht.

Dem Wunsch nach einem Ort des Zusammenkommens, der Ruhe, «des Chillens», wie es die Kinder nannten, kam das Team jedoch nach. In der Mitte des Saals befindet sich nun eine kleine Erhöhung mit bunten Sitzwürfeln. Von hier hat man einen guten Überblick über die Ausstellung, farbige Stellwände unterteilen die Ausstellung thematisch, selbst erfundene Gedichte aus zusammengesetzten Bildtiteln von Klee ersetzen die üblichen Ausstellungstexte zu den Bildern.

Geheimnisvolles Anfangsbild

Die Ausstellung mit dem Titel «Leuchtendes Geheimnis» beginnt mit einem Einzelbild. «Über die Wahl dieses Werks war ich sehr überrascht», sagt Waldmeier. «Paul Klee hat oft Vögel oder Strichmännchen gemalt. Ich hatte erwartet, dass die Kinder eines seiner verspielten Bilder wählen würden.» Stattdessen fiel die Wahl auf «Glas-Fassade» von 1940, eines seiner letzten Werke vor dem Tod. Und es birgt ein Geheimnis: Auf der Rückseite ist nämlich ein weiteres Bild zu sehen.

«In der Kriegszeit waren die Materialien knapp. Deshalb verwendete Klee immer mal wieder die Hinterseite seiner Leinwände. Dieses Bild hier hat er jedoch nicht fertiggestellt, sondern stattdessen mit rosa Farbe übermalt», erklärt Katja Lang vom Kindermuseum Creaviva, das zum Zentrum Paul Klee gehört. Diese Farbe sei im Laufe der Zeit abgeblättert und habe das angefangene Bild wieder freigelegt. Es zeigt eine liegende Person, am Rahmen steht der Titel: «Mädchen stirbt und wird». Lang: «Wir gingen auf Spurensuche; was hatte das Bild wohl zu bedeuten?» Was auch die Mitarbeitenden des Zentrums Paul Klee erst jetzt herausfanden: Es musste sich um Karla Grosch handeln, die ehemalige Freundin des Sohnes Felix Klee. Die Familie Klee führte eine innige Beziehung zur Künstlerin, die am Bauhaus studierte. Als 1933 die Nationalsozialisten das Bauhaus schlossen, wanderte sie nach Tel Aviv aus – wo sie am Strand ertrank. Die Geschichte von Karla Grosch wird in dieser Ausstellung nacherzählt, mittels Audiostationen, eingesprochen von den Kindern selbst.

«Dass sie eine so tragische Geschichte als Thema wählten, hat mich sehr erstaunt», sagt Lang. Die Pädagogin hatte einen Grossteil der Workshops konzipiert. «Wir wollten verschiedene Facetten von Paul Klee aufdecken, ohne aber chronologisch oder didaktisch vorzugehen.» Statt auf eine kunsthistorische Perspektive setze das Team auf einen intuitiven Zugang; das Spielerische stand im Vordergrund. Dennoch: «Ich war gerührt, wie seriös die Kinder diese Arbeiten angingen», sagt Lang.

Rahmenprogramm mit Kindern

Dieser Entstehungsprozess ist ebenfalls Teil der Ausstellung: Im hinteren Teil gibt ein Dokumentarfilm Einblicke in die Workshops und Diskussionen. Auch finden während der Ausstellungsdauer diverse Veranstaltungen statt, an welchen die Kinder mitwirken – quasi als Vermittler. Das Ziel: Klee durch die Augen der Kinder neu zu entdecken.

Angelina freut sich auf diese Veranstaltungen, «aber es ist schon komisch, so viele spezielle Leute auf einem Haufen zu sehen». Ins Zentrum Paul Klee kommt sie dennoch immer wieder gern. Das Lieblingsmuseum der Neunjährigen ist allerdings ein anderes: «Das mit den toten Tieren.»

Die Ausstellung «Leuchtendes Geheimnis. Kinder kuratieren Klee» ist noch bis am 4. September 2022 im Zentrum Paul Klee in Bern zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

Paul Klee

Paul Klee gehört zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Geboren 1879 in Münchenbuchsee (BE), zog Klee 1898 für sein Kunststudium nach München und lebte lange Zeit in Deutschland, unter anderem wegen seiner Lehrtätigkeit am Bauhaus. Unter dem Druck der Nationalsozialisten musste er Deutschland verlassen und kehrte nach Bern zurück. 1940 starb Paul Klee in Locarno-Muralto (TI). Selbst Vater eines Sohns, Felix, liess er sich für seine Bilder immer wieder von Kindern inspirieren.

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