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In der erleuchteten Schweiz erwachen die Freunde der Dunkelheit

28.09.2016 – Marc Lettau

Die Schweiz wird immer heller. Kunstlicht vertreibt selbst in abgelegenen Winkeln die Dunkelheit. Doch eine besonders unterbelichtete Ecke im helvetischen Lichtermeer will die restliche Nachtschwärze zertifizieren lassen und zum ersten Sternenpark der Schweiz werden.

Im Bündner Bergdorf Surrein ist 2016 ein Kapitel schweizerischer Zivilisationsgeschichte abgeschlossen worden. Surrein galt nämlich als das letzte Schweizer Dorf ohne Strassenbeleuchtung, als nachtschwarzer Anachronismus in einer zunehmend illuminierten Welt. Doch jetzt ist auch in Surrein Schluss mit der Dunkelheit. Vierzig Jahre lang hatten die Bürgerinnen und Bürger über das Dafür und Dawider dunkler Nächte gestritten. Heuer haben sie sich nun – im vierten Anlauf – für den Bau von 46 Strassenlampen entschieden.

Die ausschlaggebenden Argumente zeigen, wie man in Surrein den Fortschritt sieht. Der Ort brauche Kandelaber, weil man nachts auch mal in Kuhfladen trete, weil enorme Löcher die Strassen prägten und weil man im von Abwanderung geprägten Dorf zu den verbliebenen Leuten Sorge tragen müsse: «Wir dürfen zum Beispiel keinen Einzigen unter einem Auto verlieren.» Und immer wieder klingt an, wie sehr Dunkelheit und Angst unzertrennlich miteinander verknüpft sind: In einem hellen Dorf, so die Surreiner Ansicht, sind keine dunklen Gestalten unterwegs. In der Tat hielt sich im Bergdorf über Jahre das hartnäckige Gerücht über einen schwarzen Mann mit verhülltem Gesicht, der des nachts die Leute schrecke. Die Bündner Polizei dementierte zwar: Der schwarze Mann – l’um ner – sei nichts als Einbildung. Aber sicher ist sicher: Die modernen LED-Leuchten erhellen jetzt das Bergdorf so gründlich, dass selbst das Gerücht über die dunkle Gestalt rasch ausbleichen dürfte.

Der permanente Ausbau der öffentlichen Beleuchtung, die jetzt in Surrein einen vorläufigen Abschluss findet, folgt einer kulturgeschichtlich begründeten Logik. Seit der Mensch mit Feuer umzugehen weiss, steht Licht für Wärme, Sicherheit und soziale Geborgenheit. Aber diese Haltung ist im Begriff umzuschlagen. In Surrein stimmten ausgerechnet Vertreter der jungen Generation «gegen den Verlust der Nacht». Die Dunkelheit habe ihre eigene Schönheit, sagte deren Sprecher vor der versammelten Gemeinde. Die «fast hörbare Stille der Nacht» werde durch das Kunstlicht zerstört: «In Zürich würden sie dafür zahlen, dass keine Lichter brennen.»

Das nächtliche Dunkel schwindet

Ein paar Strassenlampen mehr: Muss das einen kümmern? Übers Ganze gesehen hat die Entwicklung tatsächlich ihren Preis. Die Schweiz bezahlt den – vermeintlichen – Gewinn an nächtlicher Sicherheit mit dem Verlust der eigentlichen Nacht. Das Streulicht der Städte sowie der Industrie- und Tourismusanlagen vertreibt selbst auf dem Land das natürliche Dunkel. Lag vor 25 Jahren rund ein Drittel der natürlichen Flächen der Schweiz nachts im Dunkeln, waren es 2009 nur noch 18 Prozent. Die Entwicklung setzte sich in den letzten Jahren ungebrochen fort.

«Lichtverschmutzung» nennt sich das Phänomen, das längst auch abgelegene Gebiete erfasst hat. Selbst in Randregionen mit sinkenden Bewohnerzahlen ist eine steigende Illuminierung zu messen. Surrein ist das Beispiel dazu. Das heute beleuchtete Dorf zählt 250 Einwohnerinnen und Einwohner. Zu Beginn der Debatte waren es rund 400, die nachts im Dunkeln sassen.

Richter mit Flair fürs Dämmerlicht

Nicht nur Natur- und Umweltschützer sind in Sorge. Auch die Bundesbehörde ist alarmiert. Wenn die nächtliche Lichtmenge wie in der Schweiz innert 20 Jahren um 70 Prozent zunimmt, dann sei das «dramatisch», sagt Alexander Reichenbach, der sich im Dienste des Bundesamtes für Umwelt mit den Auswirkungen immer hellerer Nächte auseinandersetzt (siehe Interview). Und längst ist auch den Gerichten ein Licht aufgegangen. In einem wegweisenden Urteil befand das Bundesgericht 2009, reine Zierbeleuchtung sei um 22 Uhr abzuschalten. Weil selbst steile Bergflanken «ins beste Licht» gerückt werden, sind die Bundesrichter zudem schon recht emotional geworden. Im Zusammenhang mit der grossflächigen Beleuchtung der Pilatusgipfel befanden sie, man dürfe «das Naturschauspiel der Dämmerung» nicht vollends aufs Spiel setzen. Sie sinnierten, «insbesondere die farbliche Veränderung der Berggipfel während der Dämmerung» sei ein zu schützendes Gut.

Die Vorreiter im Kampf gegen die Lichtverschmutzung sind in der Schweiz die Ornithologen und die Sternengucker. Die Vogelkundler machten klar, dass Zugvögel im Lichtkegel über den Städten gefangen werden und darin manchmal bis zur tödlichen Erschöpfung kreisen. Und Astronomen klagten, Schweizerinnen und Schweizer komme der bewusstseinserweiternde Blick ins Universum völlig abhanden: Sternschnuppen zählen in Sommernächten, wenn die Perseïden, Leoniden oder die Orioniden verglühend erdwärts sausen? Fehlanzeige. Händchenhalten unter dem Sternenmeer der Milchstrasse? Vergangenheit.

Georg Scheuter, der Präsident der Schweizerischen Astronomischen Gesellschaft, sagt es in aller Härte: In der Schweiz sähen Städterinnen und Städter die Milchstrasse «sicher nie». Statt der 5000 Sterne, die man in nachtschwarzen Nächten von blossem Auge erkennen könne, seien es in den hiesigen Ballungsräumen «bloss ein paar Dutzend». Alle grossen Schweizer Städte spielten in Sachen Lichtverschmutzung «in der obersten Liga mit».

So hell wie 20 Vollmonde

Seit genau 20 Jahren streitet die Nichtregierungsorganisation Dark Sky Switzerland für den Schutz der Nacht. Ihre Motive seien naheliegend, sagt ihr Geschäftsführer Rolf Schatz: Ein Zuviel an Kunstlicht bedrohe die Vielfalt der nachtaktiven Fauna und schade darüber hinaus den Menschen. Menschen könnten nachts zwar einfach «den Rollladen runterziehen», sagt Schatz. «Aber die Natur kann das nicht.» Zur Veranschaulichung rechnet er vor, wie sehr die helvetische Nacht mit Licht geflutet wird: Gängige Strassenlampen erhellten die Umgebung 20 mal stärker als der allerhellste Vollmond. «Würde man uns Menschen tagsüber die 20-fache Sonnenlichtmenge zumuten, würde rasch klar, dass das nicht auszuhalten ist.» Doch auch Schatz sieht Lichtblicke. In der Schweiz dringe es mehr und mehr ins Bewusstsein der Leute, «dass schon lange eine nächtliche Lichtmenge erreicht ist, die nichts Positives mehr an sich hat». Das heisse auch, dass mehr und mehr Bürgerinnen sich wehrten. Sie sagten sich, dass es doch «so etwas wie ein Menschenrecht auf dunkle Nächte» gebe.

Die Männer und Frauen von Dark Sky Switzerland sind längst nicht mehr alleine unterwegs als edle Ritter im Kampf fürs gute Dunkel. Das Thema dringt in den planerischen Alltag ein. So hat der verbindliche Normen setzende Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein SIA im Jahr 2013 eine Planungsrichtlinie in Kraft gesetzt, die darauf abzielt, «unnötige Lichtemissionen im Aussenraum» zu vermeiden (SIA Norm 491). Aber Rolf Schatz bleibt besorgt: Gerade der technologische Wandel berge Risiken. Mit der Umrüstung von öffentlichen Beleuchtungen auf LED lasse sich Strom sparen. Von den sehr energieeffizienten LED-Lampen gehe aber die Gefahr aus, «dass die Lichtmenge drastisch zunimmt». Auf diese Weise könne Energieeffizienz ungewollt zu einer neuen Umweltlast führen.

Exklusive Nachtschwärze, zertifiziert

Wenn die Nacht zum Tag wird, wird echte nachtschwarze Dunkelheit zum raren, wertvollen Gut. Diesem Gedanken folgt jetzt der Naturpark Gantrisch in den Berner Voralpen. Der Naturpark, er ist quasi der unterbelichtete Hinterhof der Bundesstadt, möchte die nächtliche Dunkelheit zum Alleinstellungsmerkmal erheben. Er soll zum zertifizierten «Dark Sky Park» werden. Weltweit hat die International Dark Sky Association (IDA) bislang 37 Regionen mit einem Zertifikat geadelt. Projektleiterin Nicole Dahinden hofft, dass die IDA das bis 2019 auch mit «ihrer» Dunkelheitsoase tun wird. Das Gantrischgebiet wäre damit der erste und vorerst einzige Sternenpark der Schweiz. Voraussetzung fürs Gelingen ist, dass alle im Naturpark liegenden Gemeinden mitziehen. Bislang tun sie es bereitwillig. Voraussetzung ist auch, dass der rund 400 Quadratkilometer grosse dunkle Fleck tatsächlich ausreichend dunkel bleibt. Dahinden durchstreift daher mit ihren Messgeräten gleich selbst die nächtliche Naturlandschaft und erhebt die Beweisdaten. Eine erste Erkenntnis: Es ist hier dunkler als auf vielen hochalpinen Alpengipfeln. Von dort aus sieht man nämlich, wie der lichtstarke Ballungsraum von Mailand den nächtlichen Horizont erglühen lässt.

Der erste Sternenpark werden, das Ziel klingt, als werde hier eine Randregion von Marketingüberlegungen angetrieben. Dahinden verneint aber dezidiert. Wohl sei es so, dass mit dem Schutz des «immateriellen Guts Dunkelheit» die unterschiedlichsten Leute angesprochen werden könnten. Aber der naturschützerische Aspekt des Vorhabens sei unübersehbar.

In der Tat liegen weite Teile des Naturparks in einem wichtigen Vogelschutzgebiet. Einerseits brüten hier viele bedrohte Vogelarten. Anderseits queren zahlreiche Vogelzüge die Wasserscheide Gurnigel – und gerade Zugvögel sind des Nachts auf sternenklare Himmel angewiesen. Im Gegensatz zu vielen anderen Eingriffen zugunsten des Naturschutzes empfinde niemand den Einsatz für sternenklare Nächte als bedrängend, sagt Dahinden: «Es hat nichts Negatives an sich.» Mehr noch: «Eigentlich kann ja niemand pro Lichtverschmutzung sein.» Wer für dunkle Nächte sorge, sorge letztlich auch für seine eigene Gesundheit.

Es gibt mindestens eine Klientel, die bestens versteht, wofür sich Dahinden einsetzt. Die Astronomen haben die dunkle Ecke längst schon entdeckt. Sie pilgern regelmässig ins Gantrischgebiet. Die Dunkelheitsinsel im nächtlichen Lichtermeer ist inzwischen europaweit bekannt. Astro-Freaks finden sich hier Sommer für Sommer zu «Star-Parties» zusammen, zum gemeinsamen Blick nach oben in die unendlichen Weiten des Alls. Den Organisatoren der Parties ist es wirklich ernst. Wer nachts seinen Wagen verschieben will, darf nur die Handbremse nutzen und keineswegs das Bremspedal tätigen. Denn klar doch: Allein schon das aufleuchtende rote Bremslicht würde das Dunkelheitserlebnis zerstören.

Naturpark Gantrisch: www.gantrisch.ch

Schweizer Astrovillage in Lü (GR): www.alpineastrovillage.net

International Dark Sky Association IDA: darksky.org

Lichtimmissionen (Bundesamt für Umwelt)

Neustes Bundesgerichtsurteil (PDF)

Interview: Kunstlicht treibt die 24-Stunden-Gesellschaft an

Biologie der Nacht

Dass Nachtfalter und andere Insekten an Lampen gefangen bleiben, verbrennen oder übermüdet sterben, ist ein bekanntes Phänomen. Stark betroffen sind aber auch Vögel. Immer wieder werden Schwärme in den Lichtglocken über den Städten gefangen. Sie kreisen darin bis zur Erschöpfung – oder bis zum Erschöpfungstod. Kunstlicht führt zudem dazu, dass Zugvögel im Frühling zu früh ins Sommerquartier ziehen. was ihre Überlebenschancen sinken lässt. Fledermäuse wiederum verschieben und verkürzen ihre Nahrungssuche, wenn Licht ihr Ausflugsloch stört. Auch ihre Überlebenschancen sinken.

Ein Zuviel an Kunstlicht verhindert schliesslich, dass sich die nachtaktiven Amphibien überhaupt paaren. Somit beeinträchtigt das künstliche Licht direkt die Artenvielfalt.

Marc Lettau ist Redaktor der «Schweizer Revue»

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