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Die Schweiz schlitterte ebenso diszipliniert wie privilegiert durch die Corona-Krise

22.07.2020 – Marc Lettau

Das Leid lässt sich nicht wegdiskutieren. 2000* Menschen sind in der Schweiz an Covid-19 gestorben. Zehntausende haben ihre Arbeit oder ihre Perspektive verloren. Hunderttausende werden die Folgen der Corona-Pandemie auf Gesellschaft und Wirtschaft noch für Jahre spüren. Gleichwohl sagen sich viele Schweizerinnen und Schweizer: Es hätte schlimmer kommen können. – Ein Einordnungsversuch.

Einordnung aus Schweizer Perspektive

*) Stand 1. Juli 2020 gemäss Auswertung des Statistikamtes des Kantons Zürich: 31 827 Fälle, 1965 Verstorbene

Ist das nun bereits die Rückkehr zur vertrauten Normalität? Das fragten sich Anfang Juni in der Schweiz viele. Während anderswo – etwa in Brasilien – das Virus das Leben erst richtig lähmte, lockerte der Bundesrat die Schweizer Corona-Restriktionen zügig. Subito füllten sich Strassencafés mit Leben, Fluss- und Seeufer wurden zu Picknick-Meilen, Geschäfte warben wieder um Kundschaft – und alles war durchzogen vom strengen Parfüm von Desinfektionsmittel.

Doch «Normalität» ist die klar falsche Etikette. Die Folgen der Pandemie prägen weiterhin bis in alle Verästelungen den Alltag: Mehr als ein Drittel aller Erwerbstätigen kennt jetzt die Kurzarbeit; Tausende haben ihren Job ganz verloren; und die Furcht, auf die erste Corona-Welle könne eine zweite folgen, bleibt präsent. Die pandemiebedingten gesellschaftlichen Verwerfungen und ökonomische Erschütterung dürften das Land noch für Jahre prägen. Fürs abschliessende Bilanzieren ist es zu früh.

Erlaubt ist die Frage, wie die Schweiz den epidemiologischen Höhepunkt der Krise meisterte. Der allgemeine Tenor: zwar ernsthaft erschüttert, trotz allem Leid aber auch erstaunlich gut und diszipliniert. Der Schrecken über die hochschnellenden Fallzahlen und die plötzliche Fragilität von allem Vertrauten war hierzulande nicht geringer als anderswo. Aber das Corona-Regime blieb recht milde, weil die allermeisten den behördlichen Weisungen folgten, diszipliniert ihren Bewegungsradius stark einschränkten und gleichzeitig eine vielfältige Nachbarschaftshilfe keimte.

Die Voraussetzung für dieses Verhalten schuf letztlich der Bundesrat. Er trat zu Beginn der Krise geeint auf, setzte ganz auf seine Pandemieexperten und blieb in der Folge berechenbar und verständlich. Er appellierte an die Selbstverantwortung des Einzelnen – auch punkto Bewegungsfreiheit und Schutzmassnahmen: Weder ein totales «Confinement» noch eine Maskenpflicht wurden verfügt. Und die Behörde schuf bei ihren vielen Auftritten Bilder von einprägsamem, ikonenhaftem Charakter: Auf der einen Seite Gesundheitsminister Alain Berset mit seinem flammenden Mantra «Bleiben Sie zuhause!», auf der anderen Seite der Mediziner Daniel Koch, der als oberster Pandemiespezialist der Nation ruhig und nüchtern darlegte, was er weiss – und wichtiger noch: was er nicht weiss.

Das Beispiel Schweiz zeigt zugleich, wie wichtig in Krisen die weitreichende materielle Absicherung wird. Das Auffangnetz, das sich entfaltete, war stark. Die Staatshilfe für den Einzelnen – Stichwort Kurzarbeitsentschädigung – reicht wesentlich weiter als in vielen anderen Ländern. Und die Staatshilfe für Firmen in Bedrängnis ist weit entschiedener als im umliegenden Europa: Der Staat bürgt zu 100 Prozent für die Hilfskredite, die die Firmen unbürokratisch bei ihren Hausbanken abholen durften. Ausländische Medien kommentierten dies fast verklärend. In den Worten des Deutschen Magazins Focus: «Von solchen Verhältnissen können deutsche Firmenchefs nur träumen.»

Verklärung ist aber nicht angebracht: Die Schweiz war nicht besser auf die Pandemie vorbereitet als andere Industrienationen. Das Land verfügte zwar über eine nationale Spitalplanung für den Pandemiefall. Aber die Kantone hatten diese Pläne – ganz sparbewusst – nicht umgesetzt. Die Lager für wichtige medizinische Güter waren keineswegs voll, sondern halbleer. Und auch die Disziplin der Schweizerinnen und Schweizer war endlich. Im Mai begann die Geduld zu schwinden. Aber im Juni setzte der Bundesrat der steigenden Ungeduld ein Ende.

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