Menu
stage img
  • Gelesen

Deskaheh – ein Irokese am Genfersee

23.01.2019

«Die Indianerbücher waren die wichtigsten Gepäckstücke in meinem Bildungsrucksack, glaube ich im Rückblick. Später lernte ich, dass man Indigene sagt, politisch korrekt.» Dies sagt die Ich-Erzählerin im Roman, der auf der wahren Geschichte des Irokesen-Chief Deskaheh beruht. Aus Zufall ist sie auf Fotos und Briefe gestossen. Ihre Recherche lässt sie die Geschichte der Indigenen im Gebiet des Grand River in Ontario entdecken, welche die Vorherrschaft von Kanada ablehnen. Der vom Altenrat bestimmte Chief Deskaheh reist deshalb 1923 nach Genf. Er soll vor dem Völkerbundsrat für die Anerkennung und Unabhängigkeit seines Volkes eintreten. Doch er scheitert – am Desinteresse der Politiker und Bürokraten und am Dünkel der westlichen Welt. Obwohl seine Vorträge grosse Publikumserfolge sind, verharren die Leute in ihren Vorurteilen gegenüber dem «Wilden» im Indianerkostüm. Nach eineinhalb Jahren in Europa muss Deskaheh unverrichteter Dinge zurückkehren – ohne je wieder ganz nach Hause zu gelangen. Die kanadische Regierung hat mit Gewalt den Altenrat abgesetzt und «demokratische» Wahlen durchgeführt. Deskaheh stirbt 1925 im Exil auf amerikanischem Boden an einem Lungenleiden. Bald kommt das Gerücht auf, er sei vergiftet worden.

Der Autor des Buches, Willi Wottreng, hat sorgfältig recherchiert; Figuren und Daten sind historisch belegt. Geschickt pendelt der Autor zwischen der Ebene der Ich-Erzählerin und der Geschichte von Deskaheh. Als Leser erlebt man hautnah, wie der einstige Bauer in seine Rolle als Sprecher seines Volkes hineinwächst, und man begleitet ihn während seines Aufenthalts in Genf und der Vortragsreise quer durch die Schweiz. Spürbar seine Frustration, wenn er unermüdlich mit Diplomaten spricht und vergeblich versucht, bis zu den hohen Chargen des Völkerbundes vorzudringen. Feinfühlig, bloss andeutungsweise beschreibt der Autor die Beziehung des Irokesen zur Genferin Hedwige. Den Kreis der Erzählung schliesst der Autor gekonnt, indem er die Erzählerin an den Grand River reisen lässt, wo sie die wenigen Dokumente einer Indigenenschule übergibt. Eine wunderbare Hommage an den Irokesen-Chief Deskaheh, den Verfechter der Unabhängigkeit seines Volkes.

Willi Wottreng, geboren 1948, studierte Geschichte und engagierte sich als 68er-Aktivist. Er arbeitete als Journalist, so bei der «Weltwoche» und der «NZZ am Sonntag». Der in Zürich lebende Buchautor und freie Publizist ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz.

Ruth von Gunten

 

Willi Wottreng: «Ein Irokese am Genfersee»
Bilgerverlag, Zürich 198 Seiten; CHF 30.–

top