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«Der starke Franken? Eine Chance für Produktionsveränderungen»

06.05.2015 – Stéphane Herzog

Die amerikanische Professorin Suzanne de Treville, Expertin für die Verkürzung von Produktionszeiten, sieht im starken Franken eine Chance für die Schweizer Wirtschaft.

Für die amerikanische Betriebswirtschaftsprofessorin Suzanne de Treville stellt der Wegfall des Euro-Mindestkurses paradoxerweise eine Chance für die Schweizer Unternehmen dar. «Von einigen Firmenchefs habe ich erfahren, dass sie verzweifelt sind. Doch gleichzeitig steigt ihre Bereitschaft, über neue Vorschläge nachzudenken. Das ist in etwa wie nach einer Herzattacke – man ist dann offener für Ernährungsratschläge», erläutert die Professorin, die an der HEC Lausanne lehrt. Sie vertraut jedenfalls auf die Schweizer Wirtschaft, die über «ausgezeichnete Grundlagen» verfügt.

Ende März flog Suzanne de Treville zu einem Kongress des amerikanischen Handelsministeriums nach Washington. Das Thema waren Standortverlagerungen. Für die Wissenschaftlerin, die in Harvard studiert hat, bringen diese häufig mehr Probleme mit sich, als sie lösen, vor allem weil sie die Forschung und Entwicklung von der Produktion trennen. «Die Unternehmen lassen sich von den Kostenreduktionen blenden, die Standortverlagerungen ermöglichen», bedauert sie. Aus diesem Grund setzt sie das Analyse-Tool «Cost Differential Frontier» ein, mit dem die tatsächlichen Kosten und somit die Verluste aus diesen Verlagerungen ins Ausland bestimmt werden können.

Ihre Vorschläge in drei Punkten

  • Berechnung der tatsächlichen Kosten von Standortverlagerungen:

Ab der Hälfte der 1990er-Jahre begannen Schweizer Unternehmen, ihre Produktion ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern, vor allem nach Asien. Das Ziel? Eine Verringerung der Produktionskosten um bis zu 30%. Doch die tatsächlichen Kosten dieser Entscheidungen bleiben verborgen, meint Suzanne de Treville. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle, darunter die längeren Lieferzeiten, die Schwierigkeit, die Produktqualität zu kontrollieren, und die innovationshemmende Trennung zwischen Produktion und Forschung und Entwicklung. Das Ziel ist es, diese Kosten mit Tools für die qualitative Finanzanalyse aufzuzeigen. Das ist die Aufgabe des Analyse-Tools «Cost Differential Frontier», das sie mit ihrem Kollegen Norman Schürhoff, Finanzprofessor an der HEC Lausanne, entwickelt hat. «Der Manager muss Mathematik betreiben», fasst sie zusammen. Nur so werden ihrer Meinung nach Massnahmen umgesetzt, die der eigenen Intuition widersprechen, aber dennoch notwendig sind.

  • Produktion von Qualitäts- und Standardprodukten:

Viele Schweizer Unternehmen bieten Produkte mit hohem Mehrwert an. Als Beispiel nennt Suzanne de Treville Fischer Connectors, ein Unternehmen, das Tausende verschiedener Steckverbinder und Kabelverbindungen anbietet. «Das sind schwankungsanfällige Produkte, die eine lokale, flexible Produktion erfordern, die an die jeweilige Nachfrage angepasst werden kann.» Eine Verlagerung der Produktion kommt also nicht in Frage, da das Unternehmen dadurch an Wettbewerbsfähigkeit verlieren würde. Das ist dem Solarmodulhersteller Flexcell 2012 passiert. Er hatte beschlossen, auf in China hergestellte Standardprodukte umzusteigen, die allerdings nicht mehr den Schweizer Anforderungen entsprachen.

Suzanne de Treville schlägt den Schweizer Unternehmen vor, zwei Ansätze zu kombinieren. Sie sollten weiterhin High-Tech-Produkte anbieten, aber gleichzeitig «B-Produkte» herstellen, die im Gegensatz zu sehr schwankungsanfälligen Waren lagerfähig sind. Ein solches Vorgehen setzt jedoch erneut Entscheidungen voraus, die der Intuition widersprechen und deren Zweckmässigkeit nur mithilfe mathematischer Analyse-Tools aufgezeigt werden kann. «Die Anlagen sollten mit zusätzlicher Kapazität ausgestattet werden», schlägt die Wissenschaftlerin vor. Bei Nachfragespitzen produziert das Werk die Produkte, die das Spezialgebiet des Unternehmens sind, hohe Margen einbringen und feste Abnehmer haben. Ruhigere Zeiten werden für die Produktion von Standardprodukten genutzt, bei denen diese hohe Produktionskapazität nicht erforderlich ist. Man muss sich also auf Kapazitätserhöhungen einlassen.

  • Verkürzung der Lieferzeiten:

«Es ist nicht möglich, Lieferzeiten zu verkürzen, ohne zusätzliche Kapazitäten zu schaffen», sagt Suzanne de Treville. Im Umkehrschluss bedeutet das: Eine Fabrik, die nur Produkte mit hohem Mehrwert herstellt, jedoch nach dem Just-in-time-Prinzip produziert, wird längere Lieferfristen haben. «In der Zwischenzeit bietet die Konkurrenz ein Standardprodukt an und der Kunde wendet sich von Produkt A ab, obwohl es seinen Bedürfnissen besser entspricht», erläutert sie. Zur Umsetzung ihrer Theorie in die Praxis hat Suzanne de Treville im März Studenten der HEC in vier Schweizer Unternehmen geschickt. Sie werden in jeder Firma ein stark schwankungsanfälliges Produkt A und ein lagerfähiges Standardprodukt B ermitteln. Anhand einer mathematischen Modellrechnung werden anschliessend die Produktionszeiten verringert. «Manchmal frage ich Firmenchefs, ob sie ihre Produktionszeiten von zwanzig Tagen auf eine Woche verringern könnten, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Häufig erhalte ich die Antwort: Tja, das ist leider nicht möglich. Sie denken, dass zusätzliche Kapazitäten die Maschinenauslastung reduzieren. Unsere Tools zeigen jedoch, dass diese Lösung funktioniert.»

stéphane herzog ist Redaktor bei der «Schweizer Revue»

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