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  • Kultur

Der Schweizer Humor von Plonk & Replonk

13.01.2015 – Stéphane Herzog

Jacques und Hubert Froidevaux sowie ihr Freund Miguel Morales haben einen 100%ig schweizerischen Humor erfunden, dessen ­bevorzugte Zielscheiben die Armee, das Matterhorn und Gartenzwerge sind. Begegnung mit Plonk & Replonk in La Chaux-de-Fonds.

Eine Stadt auf 1000 Metern über Meer ohne einen Fluss oder einen See, aber mit einem Zug, der den steilen Aufstieg im Zickzack bewältigen muss – das ist La Chaux-de-Fonds, das Zuhause der Künstler ­Jacques und Hubert Froidevaux, bekannt sind sie unter dem Namen Plonk & Replonk. Der Doppelname ist etwas irreführend, verbergen sich dahinter doch drei Spassvögel: Zum Team gehört auch Miguel Morales, ein Jugendfreund der beiden Brüder.

«La Chaux-de-Fonds ist eine Stadt, aus der man wegzieht», sagt ­Jacques Froidevaux, der ältere, 1963 geborene Bruder, fröhlich und zählt die berühmtesten Emigranten der Stadt auf: Blaise Cendrars, Le Corbusier, Jean Chevrolet. Ein Grund wegzugehen ist das Klima. «Sechs Monate Winter und sechs Monate Steuern», fasst Hubert Froidevaux zusammen. Sie beide sind trotzdem «oben» geblieben. Warum, erfahren Sie später.

Zwerge in Beton

Den Stoff für ihr Schaffen finden Plonk & Replonk in Klischees. In der Schweiz sind dies Schokolade, Uhren, das Matterhorn und Gartenzwerge. Seit 15 Jahren taucht die fröhliche Equipe von Plonk & Replonk daher Zwerge in Zement. Das Basismodell – ein Kubus, aus dem nur der Kopf des Zwergs herausragt – wiegt acht Kilogramm. Es gibt auch XL-Modelle, die zwanzig Kilogramm schwer sind.

Aber warum um Himmels willen soll man Zwerge in Beton versenken? Ein Vorteil ist, dass «die Kinder sie nicht wegtragen können», ­witzeln die beiden, «und dass sie geschützt sind». Nun sprechen sie über Europa in der Krise, wo sich Armut und Ungleichheit ausbreiten, sodass überall wieder Fremdenangst aufflackert. «In der Schweiz fühlt man sich in die Jahre der Schwarzenbach-Initiative zurückversetzt», sagt ­Hubert ­Froidevaux. «Auch in der Schweiz gibt es ­soziale Spannungen. Aber sie sind weniger sichtbar», fügt ­Jacques bei. «Man muss nicht zum Clochard werden.».

Sind die beiden in Paris unterwegs – sie bezeichnen sich als Fans von Afrika –, machen sie jeweils auch Bekanntschaft mit Klischees. «Die Franzosen reduzieren uns gerne auf die Banken,  und sie denken, in der Schweiz gebe es nur einen französischen Dialekt, dabei gibt es mindestens fünfzehn», sagt Jacques. Mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar 2014 habe sich die Situation sicher nicht verbessert. «Wir wollten um keinen Preis auffallen», sagt Hubert Froidevaux. Seine Pariser Freunde des Bistros «Baron Rouge», in dem sie mehrmals ausgestellt haben, machen sich deswegen rgelmässig über sie lustig.

300 Bleistiftspitzerklingen

Plonk & Replonk haben mehrere Orte in der Schweiz ausprobiert. Zum Beispiel Lausanne: «Da kommen die Leute kaum miteinander ins Gespräch», sagt Jacques. Sie haben schliesslich festgestellt: In La Chaux-de-Fonds gefällt es ihnen am besten. «Mein Coiffeur wohnt nur eine Minute, mein Arzt 37 Sekunden von mir entfernt. Es ist bequem, hier zu wohnen», sagt Hubert. Ein weiterer Vorteil: Im Land der Uhren finden die beiden Künstler für alles bestens qualifizierte Handwerker. «Ich liebe Präzision», sagt Jacques. Mit seinem Bruder hat er eine «pinaillette», eine Art tragbare Guillotine, konstruiert. «Damit man Haare spalten kann.» Der Schreibwarenhändler habe sich an den Kopf gegriffen, als sie bei ihm 300 Bleistiftspitzerklingen bestellt haben. «Ich habe ihm gesagt, ich hätte Kinder, die viel malen», erzählt ­Jacques.

Ganz in der Nähe ihres Ateliers am Pod, der Hauptstrasse von La Chaux-de-Fonds, ist ein Metallhandwerker damit beschäftigt, die nummerierten Schilder für die «pinaillettes» und für die Gartenzwerge zu gravieren. Die lokale Migros ist, was Gartenzwerge betrifft, gut ausgestattet und auch Zement ist in der Stadt erhältlich. Plonk & Replonk bestellen trotzdem seit einigen Jahren ihre Gartenzwerge aus österreichischer Fabrikation per Post. Schätzungsweise tausend Exemplare haben sie bisher erstanden.

Die Kunst der Postkartenverwandlung

Eine zentrale Rolle im Schaffen von Plonk & Replonk spielt die Postkarte. Es waren auch ihre witzigen Einfälle zur Verwandlung solcher Karten aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die ihnen 1995 die ersten Bestellungen eingebracht haben. «Die Postkarte zeigt Banales, Dinge, die man nicht mehr wahrnimmt», sagt Jacques. Genf wird zum Beispiel auf seine Wasserfontäne reduziert, Bern auf seine Bären und die Schweiz auf das Matterhorn. Die beiden haben in ihrem Repertoire noch weitere Klischees: die Familie, das Vaterland, Soldaten, in ­Ungnade gefallene Berufe und – Denkmäler. Denkmäler sind für sie der Gipfel der Groteske.

Vor 150 Jahren habe die Postkarte ein bisschen funktioniert wie heute die Medien, sagen sie und zeigen ein paar Beispiele: Karten, auf denen Überschwemmungen, Stürme oder Flugzeugabstürze zu sehen sind. Durch die Art, wie damals die Bilder entstanden sind, wirkt alles sehr authentisch. Hubert erklärt: «Die Menschen posierten lange vor der Kamera und wenn jemand in Richtung Objektiv schaut, spürt man seine Präsenz. Die lichtempfindlichen Platten waren gross und die Fotos daher von hervorragender Qualität.» Er zeigt auf eine ma­kabre Karte, auf der englische Siedler aus Hongkong posieren – vor ihnen am Boden die abgehackten Köpfe von Eingeborenen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass diese Weihnachtsmützen tragen. Die bräunliche Färbung verleiht den Karten Patina und damit Glaubhaftigkeit. Nun braucht es nur noch wissenschaftlich seriös ­wirkende Legenden, um mit den mal mehr, mal weniger veränderten oder retouchierten Bildern eine überraschende Zwiespältigkeit zu kreieren – das ist das erklärte Ziel der beiden.

Beschwerde bei der Touristeninformation

Eine Karte von Plonk & Replonk zeigt beispielsweise die Explosion einer Wasserleitung (eine historisch belegte Begebenheit) in einer Strasse von La Chaux-de-Fonds. «Zwei ältere Damen erinnern sich beim Betrachten des Bildes an das Ereignis – doch eigentlich betrachten sie die Niagara-Fälle», sagt Hubert. Ein anderes Mal hat eine Postkarte, auf der Schiffe auf einem Kanal zu sehen sind, der mitten durch die Hauptstrasse von La Chaux-de-Fonds verläuft, belgische Touristen so begeistert, dass sie sich bei der Touristeninformation beschwert haben, dass dieser Kanal nicht mehr zu sehen sei. Das Tourismusbüro habe ihnen vorgeschlagen, sie in einen kulturellen Stadtrundgang aufzunehmen, erzählt Hubert. Dadurch hätten Plonk & Replonk Kultstatus erreicht – ausgerechnet sie, denen Denkmäler ein Greuel sind.

Der Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere war wohl die Ausstellung «Märchenhaftes Militär. 1515?–?2015: 500 Jahre heldenhafter Widerstand» im Militärmuseum Colombier im Jahr 2010. Eines der Highlights war das Schloss aus Militärbiskuits von Jacques Froidevaux. Die Ausstellung wurde von Mitgliedern der politischen und der militärischen Führung der Schweiz besucht. Unter ihnen zum Beispiel der ehemalige SP-Ständerat Jean Studer, heute Präsident des Bankrats der Schweizer Nationalbank, und der Offizier André Duvillard, damals Kommandant der Neuenburger Polizei und heute Delegierter für den Sicherheitsverbund. «Die Oberen haben bei der Einweihung schon ein bisschen leer geschluckt», erzählt Hubert. Aber André ­Duvillard habe gesagt, das Verbesserungspotenzial der Armee stünde in direktem Verhältnis zu ihrer Fähigkeit, sich über sich selbst lustig zu machen. Dies deute darauf hin, dass die Armee weniger rigide sei, als es den Anschein mache, meint Jacques.

stéphane herzog ist Redaktor bei der «Schweizer Revue»

Eine Schweizer Kindheit

Alles begann in Noirmont, einem kleinen Uhrmacherdorf in den Freibergen, wo Jacques und Hubert Froidevaux mit ihrem Freund Miguel Morales aufgewachsen sind. «Damals verfügte die Armee über ein enormes Budget; wir rannten den Soldaten hinterher und bettelten sie um Kekse und Schokolade an», erinnert sich Hubert Froidevaux. Die Brüder verbrachten viel Zeit im Restaurant, das ihre Mutter führte und wo sich vom Arbeiter bis zum Fabrikpatron ganz Noirmont traf. Ihr Vater ist Schreiner. Während einiger Zeit baute er auch Särge. Das war damals üblich. Das ging allerdings nicht lange gut. «Eines Tages – sein VW-Bus war voll – packte mein Vater einen Sarg auf das Dach und fuhr damit, die Zigarre zwischen die Lippen geklemmt, durch Saignelégier», erzählt Hubert Froidevaux. «Die Arbeiterinnen der Uhrenfabrik Ciny, die ihn vorbeifahren sahen, beschwerten sich daraufhin beim Pfarrer – diese Frömmlerinnen!» Und weg waren Vater Froidevaux’ Aufträge zum Bauen von Särgen.

Zu jener Zeit starten Plonk & Replonk ihr Karriere: Miguel Morales und Jacques Froidevaux verfassten ihr erstes Fanzine, das Magazin für Fans, mit dem Namen

«Le Yaourt vert», «Das grüne Joghurt». Später wurde daraus «Le Yaourt qui tue», das «Das Killer-Joghurt». Fünf Ausgaben mit einigen Hundert Exemplaren sind entstanden. .

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