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Der Schwarzseher und die Träumerin

04.11.2015 – Ruth von Gunten

«Heute Nacht tanzen die Toten mit» oder «Bist du fremd in der eigenen Stube, bist du froh, wenn du wieder gehen darfst.» Solche Sätze spricht der Mann, der mit seiner Frau ins Engadin reist. Das frisch pensionierte Ehepaar aus einfachen Verhältnissen hat an der Dorf-Tombola den ersten Preis gewonnen – ein paar Tage in einem Fünf-Sterne-Hotel.

In 47 Szenen in und um das Hotel begleitet der Leser das ungleiche Paar. Der Mann hat immer seinen Plastiksack dabei, aus dem er von der Taschenlampe bis zur Schokolade alles herausziehen kann. Er hat immer Lust auf Essbares, sie hat Hunger nach dem Leben. Dabei sinniert der notorische Nörgler über Todesfantasien und das Sterben von Freunden. Sie, stolze Besitzerin eines Glitzerkleids, möchte noch etwas von der Welt sehen. Wird ihr Aufenthalt im Luxushotel zur Kur oder zu einem Albtraum mit schwarzen Schmetterlingen?

Die einzelnen Szenen lesen sich wie Regieanweisungen eines skurrilen Theaterstücks, in dem die zwei Hauptfiguren aneinander vorbeireden. Er, ein Schwarzseher, sie, eine Träumerin, passen überhaupt nicht zusammen und doch gehen sie respekt- und liebevoll miteinander um. So nah sie sich nach über dreissig Ehejahren sind, so fremd bleiben sie sich. Die überzeichneten Figuren sind uns als Leser oft nahe, doch sie bleiben namenlos. Die Situationen pendeln zwischen Tragik und Komik, was das Lesen leicht macht. Obwohl fokussiert auf die Dialoge, zoomt der Blick des Autors immer wieder wie in einem Film auf die Umgebung. Gespickt sind die Gespräche – keine wirklichen Dialoge – des Rentnerpaares mit schweizerischen Dialektausdrücken. Interessant wird sein, wie in Übersetzungen damit umgegangen wird.

Arno Camenisch wagt sich an grosse Themen, wie den Tod, bleibt aber oft auf halbem Weg stehen, mehr Vertiefung wäre wünschbar, dennoch ein sehr anregendes Buch. Der 1978 in Graubünden geborene Autor schreibt auf Deutsch und Rätoromanisch. Als Lehrer arbeitete er an der Schweizerschule in Madrid, danach studierte er am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wo er heute lebt. Die Medien bezeichnen ihn gerne als Jungstar der Schweizer Literatur. Seine Werke wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Die Titel «Sez Ner» oder «Hinter dem Bahnhof» sind auf Französisch, Italienisch, Englisch, Niederländisch, Spanisch, Ungarisch und weiteren Sprachen greifbar. Wer das Glück hat, einer Lesung beizuwohnen, kommt auch in den Genuss des schauspielerischen Talentes von Camenisch.

Arno Camenisch:

«Die Kur»; Engeler-Verlag Solothurn, 2015; 96 Seiten; CHF 25.–; Euro ca. 19.

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