Christoph Schaer, Argentinien

Christoph Schaer, Argentinien

 

Wie verbunden fühlen Sie sich der Schweiz? 

Ich fühle mich der Schweiz sehr verbunden. Drei Überlegungen: 

1. Zum Einen verbrachte ich prägende Kindheits-/Jugend- und die ersten Erwachsenenjahre in der Schweiz, wo ich insgesamt auch 3 Arbeitsjahre Militärdienst geleistet habe. Dennoch fühlte ich mich in der Schweiz oft wie in einem goldenen Käfig und habe intuitiv meinen Lebensplan systematisch auf ein Leben in den USA sowie Südamerika ausgerichtet. 

2. Die jährlichen 1-2 Besuche mit der Familie in der Schweiz haben für unsere Familie grosse Bedeutung. Einerseits werden dabei Familienbanden mit den Eltern/Grosseltern/Geschwistern/Tanten gepflegt. Andererseits versuche ich den Kindern kulturelle wie historische Dimensionen der Schweiz zu vermitteln. Die dezentralisierte Regierungs- und Verwaltungsorganisation der Schweiz ist mit der Verantwortung auf Gemeindeebene eine Errungenschaft, welche zwar Kleinräumigkeit vermittelt. Andererseits ist die Verantwortung (Fiskalpolitisch) und damit verbundene Zurechenbarkeit in der Gemeindeorganisation von grossem Wert. Dies versuche ich den Kindern in Urlaubsausflügen nahe zu bringen.

3. Durch meine Frau sowie unserem Lebensplan haben unsere Kinder 3 resp. 4 Nationalitäten. Den Respekt vor jedem Land zu zeigen, ist für mich eine zentrale Erziehungsaufgabe. Als meine Mutter sowie meine Schwiegermutter die Kinder fragte, wo es ihnen nun besser gefallen würde, in der Schweiz oder Argentinien, antworteten sie spontan und authentisch: Man könne dies nicht vergleichen.Beide Länder hätten Seiten, die sie schätzten und jeweils vermissen. Es erfüllte mich mit Genugtuung, denn wer seine Heimat nicht liebt und keine Wurzeln hat, kann auch nicht mit Respekt und mit Offenheit auf Neues zugehen. 

 

Wie wird die Schweiz im Ausland/in Ihrem Gastland wahrgenommen? 

Als Unternehmer mit zwei Tätigkeitsfelder komme ich in Kontakt mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Einerseits sind es Unternehmerfamilien, welche regelmässig ins Ausland reisen und sich selbst ein Bild über die Schweiz machen. Dazu gesellen sich auch kleinere Gewerbetreibende in traditionellen Arbeitervierteln wie La Matanza oder La Tablada ausserhalb von Buenos Aires sowie intellektuelle Kreise.

Interessanterweise wird die Schweiz durch soziale Schichten hinweg ähnlich wahrgenommen. Auf der einen Seite werden die seit Jahrzehnte vorherrschenden Klischees wie Ordnung, Pünktlichkeit sowie Zuverlässigkeit hervorgehoben. Anders als manchmal aus einer schweizerischen Perspektive, wo diese Attribute mit “Bünzli" assoziiert werden, werden diese Attribute bei meinem Bekanntenkreis meist positiv wahrgenommen. Manchmal schwingt ein wenig Schalk mit, doch sind es auch solche Attribute, welche sie im eigenen Land tendenziell weniger finden und daher von mir beruflich erwarten. 

Auf der anderen Seite werden Neutralität, Innovation und Natur mit der Schweiz assoziiert. Die Rolle des Landes mit dem UNO-Hauptsitz in Genf und den guten Diensten wird unterschätzt. Bekannt ist auch die Innovation, welche sich in Produkten der pharmazeutischen Industrie, Uhrenindustrie sowie IT/mechanischen Industrie niederschlägt. Der ETH/EPFL als weltweit führende Universität kommt eine spezielle Goodwill Ambassador Rolle zu. 

Sport verbindet und Fussball noch mehr. Man kann in der berüchtigten Matanza sein, wo mich schon Taxifahrer nicht hinfahren wollten. Wenn meine Geschäftspartner erfahren, dass ich Schweizer bin, kommt rasch eine ehrliche Bewunderung für Roger Federer auf. Ich habe dem Sport als Goodwill Faktor oft wenig Gewicht beigemessen. Doch können sie mit jedem Argentinier ein Gespräch über Fussball beginnen und die Schweizer Nationalmannschaft hat nach der starken Leistung in Brasilien einen bleibenden Eindruck hinterlassen, so dass Namen wie Shakiri oder Embolo usw. tatsächlich hier ein Begriff sind. Das ist schön, weil sich ein Bild eines Landes ergibt, welches zwar engmaschig ist, andererseits Menschen aus anderen Kulturräumen Möglichkeiten gab, sich ein Leben und Perspektiven aufzubauen. 

Schliesslich ist interessant wie Argentinier, welche einige Zeit in der Schweiz gelebt haben, das Land in Erinnerung halten. In tiefergreifenden Gesprächen oder wenn ich Argentinier zuhöre, welche nach einem längeren Arbeitsaufenthalt aus der Schweiz nach Argentinien zurückkehren, meine ich, sie beschrieben ein Paradies. Die intakte Natur für Naherholung, das manchmal kleinkarierte Verhalten, welches uns Schweizer manchmal nachgesagt wird, wird plötzlich als Tugend wahrgenommen (Abfallentsorgung sowei Recycling), Sauberkeit und Verfügbarkeit einer Umwelt, welche auch wenig begüterten Menschen einen hohen Lebensstandard ermöglicht. 

 

Wann waren Sie das letzte Mal wirklich stolz auf die Schweiz oder haben sich für die Schweiz geschämt?

Stolz Schweizer zu sein empfand ich das letze Mal an der 1. August Feier in Buenos Aires. Der Botschafter Mock hat eine solch wohlgestaltete Feier mit seinen Mitarbeiter organisiert, dass ich dachte, dies ist die Schweiz. Mit Überzeugung wurden zahlreiche Errungenschaften der Schweiz dargestellt und mit viel Einfühlungsvermögen Respekt Argentinien entgegengebracht. Dies kulminierte in einem gut intonierten Singen der beiden Nationalhymnen. Ehrlich gesagt, freut es mich auch mitzuverfolgen, wenn Schweizer Sportler an Olympischen Spielen wie in Korea tolle Leistungen erbringen oder als Jacques Dubochet als Mitglied  der drei Forscher für den Nobelpreis in Chemie ernannt wurde (Kryo-Elektronenmikroskopie).

 

Was bringt der Schweiz die Personenfreizügigkeit? Was könnte hier besser gelöst werden? Nehmen Sie persönlich diese Freiheit in Anspruch?

Ich denke die Personenfreizügigkeit bringt für die Schweiz gut qualifiziertes Arbeitspotenzial. Durch die Mehrsprachigkeit der schweizerischen Unternehmen und Gesellschaft finden ausländische Arbeitnehmer rasch ein berufliches Umfeld, wo sie sich erfolgreich auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt behaupten können. Dies wiederum stimuliert die lokale Bevölkerung sich der Konkurrenz bestehen zu können. 

Mir entgeht, ob ein Schweizer mit derselben Einfachheit in Italien, Frankreich oder Spanien sich im Arbeitsmarkt integrieren kann. 

Zudem finde ich, dass die Personenfreizügigkeit zu stark auf Europa ausgerichtet ist und zuwenig die Welt als Markt in Betracht zieht. Um spezifische Arbeiter für Schweizer Unternehmen zu finden, sollte man meines Erachtens, eher den weltweiten Pool von Spezialisten in Betracht ziehen, als primär europäische Prioritäten, welche u.U. nicht die Besten sind, zu setzen.

Ich selbst habe Ende der 80er Jahre in Europa und in den 90er Jahren in den USA ohne Personenfreizügigkeit studiert und dort über längere Zeit gearbeitet. Mir fiel es nicht schwierig, die notwendigen Bewilligungen einzuholen. Die letzten 15 Jahre habe ich zwischen Brasilien, der Schweiz und Argentinien beruflich verbracht. Der Personenfreizügigkeit wird meines Erachtens zu viel Gewicht beigemessen. Wer ernsthaft in einem anderen Land legal studieren oder arbeiten will, hat es schon immer geschafft. 

 

 

 

Vom 10.-12. August 2018 findet in Visp der 96. Auslandschweizer-Kongress zum Thema «Die Schweiz ohne Europa – Europa ohne die Schweiz» statt. Aus diesem Anlass präsentiert die Auslandschweizer-Organisation Porträts von Auslandschweizern verbunden mit dem Kongressthema, um dabei mehr über ihre Eindrücke vom Leben als Schweizer im Ausland und ihre Sicht der internationalen Zusammenarbeit ihres Herkunfts- und Wohnlandes zu erfahren.

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